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Zwei Rechnungsmethoden bei der Anzahl Regierungsjahre

Wim Viersen: Zum Todesdatum von Herodes I
30.8.1981

Aus: Das Goetheanum Jahrgang 60/35, Dornach, Schweiz
Oorspronkelijk PDF: Artikel-Wim-Viersen.pdf

Tod des Herodes in das Jahr 1 v.Chr.

Aus den Aufsätzen von Hella Krause-Zimmer und Suso Vetter (in Nr. 8 und Nr.2 dieses Jahres) [Lit] konnte man erken­nen, von welch grosser Bedeutung es ist, dass in neuester Zeit Forscher zu dem Ergebnis gekommen sind, dass man den Tod des Herodes in das Jahr 1 v.Chr. verlegen muss, statt in das Jahr 4 v.Chr. Dadurch ist es möglich geworden, dass die historischen Tatsachen mit den Angaben (vergl. die erwähn­ten Aufsätze) Rudolf Steiners zusammenstimmen.

Obwohl es auch unter den anthroposophischen Freunden solche gibt, die das Erbe Keplers weiterpflegen möchten, sowie auch andere namhafte Wissenschafter wie der Wiener Astronom Ferrari d'Ochieppo, dass nämlich die dreifache Konjunktion von Jupiter und Saturn im Jahre 7 v. Chr. der «Stern von Bethlehem» sei, kann man doch glücklich darüber sein, dass jetzt allmählich das Jahr 1 v.Chr. als das Geburtsjahr für die beiden Jesusknaben möglich wird.

Forschungsergebnisse von Ormond Edwards

Nun ist es vielleicht richtig, einige Ergänzungen zu den genannten Aufsätzen hinzuzufügen, woraus ersichtlich wer­den soll, dass sowohl die früheren wie auch die neuesten Forschungsergebnisse von Ormond Edwards nicht hoch ge­nug geschätzt werden können!

In dem von Suso Vetter erwähnten Aufsatz in Sterne und Weltraum von Uwe Lemmer wird referiert, wie neuerdings, das heisst, seit 1978, einige Forscher Argumente gefunden haben gegen eine Annahme des Todes von Herodes im Jahre 4 v.Chr. Nicht erwähnt wird da, dass Ormond Edwards solche Argumente schon 1972 publiziert hat. Bereits damals wies er, im Anschluss an Florian Riess, auf die Tatsache hin, dass im Jahre 4 v.Chr. die Zeit zwischen Mondfinsternis und Passahfest zu kurz ist für alle durch Josephus berichteten Geschehnisse.

«Einschliessliche» (inklusive) Rechnungsmethode? Nein!

Darüber hinaus zeigte er, als zweites «Beweisstück», eindrucksvoll, wie die für die Berechnung des Jahres 4 v.Chr. notwendige Annahme, dass Josephus die sogenannte «einschliessliche» (inklusive) Rechnungsmethode verwendete, nicht haltbar ist - nämlich bei der Anzahl Regierungsjahre von Königen das Datum der Thronbesteigung vorzuverlegen auf den Anfang des Kalenderjahres, und das Todesdatum auf das Ende des laufenden Jahres nachzuverlegen.

Nun kann es von Bedeutung sein, wenn wir davon berichten, dass seit dem Sommer 1980 ein Manuskript von Edwards zur Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift für palästinensische Archäologie vorliegt. In diesem noch unver­öffentlichten Manuskript wird eine dritte Tatsache unter­sucht. Diese besteht in der Schwierigkeit, dass Josephus in seinen beiden überlieferten Schriften Angaben über den Tod von Herodes macht, die einander widersprechen. Die Wissen­schaft hat bis jetzt angenommen, Josephus habe sich im zweiten Werke korrigiert.

Edwards ist anderer Meinung. Er belegt seine Auffassung mit vorhandenen Münzen aus dieser Zeitepoche.

Zwei Vorurteilen wegräumen

Es folgt nun, mit Genehmigung des Autors und der Zeitschrift Palestine Exploration Quarterly[Lit], eine Beschrei­bung des Inhaltes seines neuesten Manuskriptes, selbstver­ständlich unter Weglassung der Quellenangaben[Lit], Zitate und exakten Beweisführungen. Der Verfasser ist überzeugt davon, dass das Todesjahr von Herodes I. statt 4 v.Chr. das Jahr 1 v.Chr. ist. Um dieses zu beweisen, ist es nötig, zwei Vorurteile aus dem Wege zu räumen.

1. Josephus benützte die «alles einschliessende» Rech­nungsweise bei seinen Angaben der Regierungszeiten, vor allem bei Herodes I.

2. Josephus hat sich nie geirrt, und wenn er «falsche» Aussagen gemacht hat (wie, so meint man, in Jewish War), dann hat er sie später richtiggestellt (wie in Antiquities), im Folgenden als War oder Antiquities zitiert.

Das erste Vorurteil widerlegt Edwards damit, dass er zeigt, wie Josephus für die acht Herrscher vor Herodes I. unmöglich «inklusive» gerechnet haben kann, und wie er es auch für Agrippa I., den Enkel von Herodes I., nicht so gemacht hat.

Das zweite Vorurteil ist schwieriger wegzuräumen. Es ist ja so, dass zu Herodes' Zeiten zwei Arten von Kalenderrech­nung vorlagen:

  • das kirchliche Jahr ging von Nisan (Frühling) zu Nisan; die jüdischen Königsjahre wurden danach gerech­net, Thronbesteigung und Tod dabei vorverlegend (nichtein­schliessende Methode).
  • Das Ziviljahr ging von Tishri (Herbst) zu Tishri: alle «Welt»-Angelegenheiten, so auch die römi­schen Königsjahre, wurden danach gerechnet.

Nun liegt das vor, dass Josephus in Antiquities andere Angaben macht als in War. Edwards meint jetzt, den Grund dafür gefunden zu haben (es ist dies das Neue im vorliegenden Manuskript): Josephus rechnete immer mit dem jüdischen Jahr, vermutlich aus persönlichen Motiven, darum verlegte er Herodes' erstes Jahr (Krönung im Dezember 40 v. Chr. in Rom) vor auf den 1. Nisan 40 v.Chr. Sein Tod 37 Jahre danach oder 34 Jahre nach seiner eigentlichen Herrschaft über Judäa, bzw. de jure [offiziell nach dem damaligen Recht] und de facto [tatsächlich], muss dann gewesen sein im Jahre zwischen 1. Nisan 3 v.Chr. und 1. Nisan 2 v.Chr., offiziell durch Vorverlegung 1. Nisan 3 v.Chr. Später bemerkte Josephus, dass das nicht stimmen kann, weil Herodes I. nach einer Mondfinster­nis gestorben ist, und eine solche [(teilweise) sichtbare] fand nur statt 1 v.Chr. und 4 v.Chr. Deshalb machte Josephus, nach Edwards, einen Fehler von 6 Monaten in War. Dieser erscheint noch grösser durch Vorverlegung von Herodes' Tod um 1 Jahr in Antiquities.

Dadurch sind auch andere Wissenschaftler auf die Idee der «einschliessenden Rechnungsweise» gekommen bei Herodes I. Natürlich musste Josephus nun auch bei Herodes' Söhnen ihre Regierungszeiten (fälschlicherweise, nach Edwards) um ein Jahr verlängern.

Es entstand dadurch ein ganz schiefes Bild. Edwards gibt nun die folgende Lösung.

Lösung

Vorbemerkung: Vor der babylonischen Gefangenschaft war die Situation in Judäa so, dass das Königsjahr von Tishri zu Tishri ging, das Priesterjahr von Nisan zu Nisan. Die Babylonier rechneten aber immer von Nisan zu Nisan. Dieses verursachte im Jahre 604 v. Chr. eine Umstellung: das fünfte Jahr des judäischen Königs Jehoiachim lief von Tishri 605 bis Nisan 603. Der Neujahrsanfang im neuen Kalender folgte auf den Neujahrsanfang im alten Kalender. Als dann 198 v.Chr. Palästina zum Reich der Seleneiden gehörte, war es so, dass

  • der babylonisch-jüdische Kalender (Nisan bis Nisan) für kirchliche Zwecke gebraucht wurde (aber auch für jüdische Könige, die zugleich Haupt der Kirche waren),
  • der syro-makedonische Kalender (Tishri bis Tishri) für politische Zwecke gebraucht wurde.

Das war dann auch noch so, als die Römer Palästina beherrschten. Und die Relation zwischen den beiden Kalendern war noch immer so, dass der Herbst­anfang des Zivilkalenders korrespondierte mit dem Früh­lingsanfang des kirchlichen Kalenders 6 Monate später.

Lösung: Die ersten 3 Regierungsjahre (40 bis 37 v. Chr.) von Herodes I. sind nach dem Zivilkalender zu rechnen (Antigonus herrschte aber noch in Jerusalem). Erstes Jahr: Tishri 40 bis Tishri 39, zweites Jahr: Tishri 39 bis Tishri 38, drittes Jahr: Tishri 38 bis Tishri 37.

Im 3. Jahr fand der Kampf statt und im Sommer 37 die Eroberung Jerusalems. Um dem jüdischen Volk zu zeigen, dass er schon seit Tishri 40 König war, prägte er eine Münze «Jahr 3». Diese Münze beweist, dass die Rechnung nach dem Zivilkalender richtig ist, denn wäre ab Nisan 40 wie üblich gerechnet worden, so hätte Herodes 1. «Jahr 4» geprägt! Denn vor der de facto Regierung ist eine Münzprägung unwahrscheinlich.

Sein 4.Jahr soll nun Tishri 37 anfangen. Weil sein Vorgänger noch lebte und er noch nicht als jüdischer König anerkannt war, war er noch sehr unsicher in seiner Position. Deshalb war ihm viel daran gelegen, im darauffolgenden Nisan gekrönt zu werden und dass seine Regierungsjahre nach jüdischem Brauch gezählt wurden (Nisan bis Nisan). Deshalb ging die Prägung der Münze «Jahr 3» weiter bis Nisan 36, und sein 4. Jahr nahm dort den Anfang! Vierter Jahr: Nisan 36 bis Nisan 35.

Quasi als Konzession an das jüdische Volk rechnete er ab jetzt neu seine Königsjahre, das heisst, 1. Jahr: Nisan 36 bis Nisan 35, daraus folgt: 34. Jahr: Nisan 3 bis Nisan 2.

Offizieller Todestag und tatsächlicher Todestag

Also: offizieller Todestag von Herodes I. ist 1. Nisan 2 v.Chr.; das bedeutet, dass der Tod tatsächlich im darauffolgenden Jahr (zwischen Nisan 2 v.Chr. und Nisan 1 v.Chr.) stattgefunden haben muss wegen der Vorverlegung. Weil anderseits dieser nach einer Mondfinsternis stattfand, muss er eingetreten sein innerhalb einiger Monate nach dem 10. Januar 1 v. Chr.

Auch für die Söhne von Herodes I. gibt es hierdurch ein anderes «offizielles» Thronbesteigungs-Datum; nach dem kirchlichen Kalender wäre das 1. Nisan 2 v.Chr. Weil aber die Söhne nichtjüdische Fürsten waren, sollte man den Zivilkalender zugrundelegen; das heisst aber, 6 Monate früher (siehe oben): 1. Tishri 3 v.Chr.

Chronologietabelle

In der Tabelle ist nochmals die übliche Chronologie neben der von Edwards wiedergegeben (alle Jahreszahlen v. Chr.).

Es ist zu bemerken, dass Edwards auch in seinem Buch[Lit] auf ein Todesdatum von Herodes I. im Jahre 1 v.Chr. kommt. Allerdings spricht er da die jüdische Krönung am 1. Nisan im Jahr 36 v.Chr. nur als Vermutung aus. Die «alles einschliessende» Methode sucht er auch dort zu widerlegen. Über die 3 ersten Jahre der de jure Herrschaft von Herodes spricht er da noch nicht, wie auch nicht über die schwerwie­genden Folgen mit Bezug auf das Rechnen nach Zivil- bzw. Kirchenjahren.

Die neuen Erkenntnisse liefern Edwards nun den Beweis der Richtigkeit der Hypothese, dass die Krönung im Frühjahr 36 geschah. Vor allem aber geben die gefunde­nen Münzen (Jahr 3 und auch spätere Münzen der Söhne des Herodes) eine grosse Unterstützung; und, wie gesagt, ist die Tatsache, dass nur im Jahr 1 v.Chr., zwischen der Mondfin­sternis vom 10.Januar und dem Passahfest (15.Nisan), in welcher Spanne der Tod von Herodes geschah, genügend Zeit für die vielen Ereignisse ist, im Gegensatz zu 4 v.Chr. (Finsternis am 13. März) sowohl im Buch wie im Manuskript von Edwards behandelt.

So, scheint mir, ist Edwards der Nachweis für die Richtigkeit der Annahme eines Todes von Herodes I. im Jahr 1 v.Chr. gelungen und damit auch derjenige der Geburt der beiden Jesusknaben im selben Jahr (4. Januar und 25. De­zember).

Literatur

Artikel-Suso-Vetter.pdf

R-Steiner-GA-292-Vortrag-2-Jan1917-vanaf-blz57.pdf

Artikel-Hella-Krause.pdf

References Ormond Edwards: "Herodian Chronology": References_-Herodian-Chronology.pdf

Ormond Edwards: "A New Chronology of the Gospels", London 1972.

Duitse vertaling: "Chronologie des Lebens Jesu und das Zeitgeheimnis der drei Jahre. Neue Gesichtspunkte zur Datierung seiner Geburt", Stuttgart 1978, Urachhaus Verlag. 87 Seiten, ISBN: 3-87838-245-6.

Beide boeken zijn alleen antiquarisch verkrijgbaar.

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