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Das Neulicht - der Anfang des neuen Monats

Das beobachtete Neulicht

Die zarte Abendsichel nach Sonnenuntergang tief im Westen.
Im Zweistromland liegt die Sichel und hat die Name "Schiff"

Quelle: https://www.spektrum.de/alias/wunder-des-weltalls/liegende-mondsichel/1143246
Fotograf: Andreas Vogl

In vielen alten Kulturen war der erste Abend, an dem eine zarte Abendsichel nach Sonnenuntergang tief im Westen kurz sichtbar wurde, ein spezieller Abend. Wenn das erste Erscheinen des feinen Lichtbogens des Mondes (das Neulicht) wahrgenommen wurde, begann der erste Tag des neuen Monates. An den Göttern Anu und Enlil, die an der Spitze des Pantheons stehen, gehört der erste Monat des Jahres. An ihnen gehört auch der erste Tag des Monats zu.

Der neue Monat fang nach Sonnenuntergang während der Dämmerung an, und entsprechend hatten alle Tage ihren Anfang (etwa) bei Sonnenuntergang oder bei Anbruch der Dunkelheit. Die offizielle Tagesangabe der darauffolgenden Nächten und Tagen war "Seit dem Monatanfang sind x Tage aufgeleuchtet". Bemerken Sie den Unterschied: ab den Neulicht wurden die Tage gezählt, also nicht ab den unsichbaren Neumond (Konjunktion Mond- Sonne).

Das ursprüngliche Ideogramm (Schriftzeichen) für Monat ist UD "Licht" + "Eingang". Der Name INBU bedeutet sowohl Mond, als auch Herr des Monats und Monats-erst. Wenn das Neulicht sichtbar wurde, opferte der König "... eine hellfarbige Gazelle dem Mond(gotte). Der König soll sich waschen, mit Myrtenöl salben ...". Oder am nächsten Morgen, das ist am ersten Tag des Monates, brachte er die Opfergabe.
Quelle: Benno Landsberger "Der Kultische Kalender der Babylonier und Assyrer, erste Hälfte, Leipzig 1915 (S. 106)

Von Neulicht bis Neulicht dauert durchschnittlich 29 oder 30 Tage. Bei Regen und Sandstürmen wurde der zunehmende Mond nicht sichtbar. Beim aktuellen Monat wurden die Tage bis 30 gezählt und am nächsten Abend wurde mit dem 1. Tag des neuen Monats angefangen.
Beim darauffolgenden Neulicht fängt das Zählen der Tagen wieder entsprechend dem Geschehen am Himmel an. Man könnte sagen, die Schwachstelle des Kalenders, die Abhänglichkeit vom Wetter, wird gut korrigiert. Immer wieder können kleine Fehler auftreten, der Kalender läuft jedoch im Ganzen gut, ist in modernen Sinne "Zukunftbeständig".

Der Mondgott NANNA(R), Suen, Sin

Der Mondgott in seinem Schiff
Quelle: Moon, Rain, Womb, Mercy The Imagery of The Shrine Model from Tell el-Far‛ah North—Biblical Tirzah For Othmar Keel

"Auf sumerisch hiess der Mondgott NANNA(R), im Akkadischen Suen und später im Babylonischen bzw. Assyrischen Sin. ... Im 3. Jahrtausend v. Chr. kommt eine Szene immer wieder auf Rollsiegelbildern vor: ein Gott mit Hörnerkrone, dem Symbol der Göttlichkeit, sitzt in einem mondsichelförmigen Boot." Quelle: Der Mondgott Nanna-Sin,
http://www.mesopotamien.de/einfuehrung/nanna.htm

Sumerischer Mondgott Nannar, 2000 v. Chr.
Quelle: http://www.mesopotamiangods.com/nannar-nanna-sin-suen-acimbabbar-el-overview/

Ein Gott rechts und König Ur-nammu von Ur (Regierungsjahren (2097-2080 v. Chr.). Der König bewässert den Baum des Lebens reichlich (2097-2080 v. Chr.)
Quelle: http://www.mesopotamiangods.com/wp-content/uploads/2014/08/2l-Nannar-Ninsuns-son-King-Ur-Nammu.jpg

Nach andern Auffassung ist es nicht der Mondgott, sondern sein Vater Enlil der an dem König die Bauwerkzeuge gibt.
Quelle: http://sumerianshakespeare.com/23501.html

Eine Überschau der Götterdynastie bietet: https://en.wikipedia.org/wiki/Ningal

Das gleiche Geschehen. Ist er der Vater oder der Sohn? Die Erscheinungsformen des Mondgottes waren vielfältig und wechselten im Laufe der Zeit, wie diejenigen des Mondes.
https://historiasdelahistoria.com/2015/05/19/ennirgalanna-la-mujer-que-nos-dio-un-zigurat

Die drei Mondfeiertage

Das Neulichtfeier war der erste der drie Mondfeiertagen. Auch am 7. Tag (etwa bei ersten Viertel) und am 15. Tag (etwa bei Vollmond) waren die Mondfeiertage. Vom Mondkalender hängen die andern Feste ab. Der monatlich wiederkehrende Tageskult war das "Rückgrat" des kultischen Lebens.
Der Kult an den Mondfeiertagen gilt den lokalen Hauptgöttern, häufig die verstorbene Regenten oder der vergöttlichte König. Die Mondphasen sind die Auslöser eines kultischen Zyklus.
Quelle: Walther Sallaberger "Der kultische Kalender der Ur III-Zeit, Walter de Gruyter 1993.
Direktes Link zu diesem Buch (43 MB):

Walther Sallaberger hat die Kultur der neuen (und letzten) Sumerischen Periode ((mittlere Chronologie: 2112 bis 2004 v. Chr.) weitgehend erforscht. Die Ludwig-Maximilians-Universität München hat in Open access LMU viel seiner Publikationen frei zür Verfügung gestellt.

Bei Neulicht kam der Mondgott aus der Unterwelt züruck. "Er trat in sein Haus ein". Am nächsten Abend wird die fast liegende Sichel viel höher sichtbar. Am Anfang der Dämmerung leuchtet der "Schiff" höher am westlichen Himmel auf. In Länder nah am Aquator sieht es aus wie der Schiff zum Himmel empor gefahren ist. Die Sichel steht dort jeden nächsten Abend bei Sonnenuntergang noch viel höher. Der Mondgott steigt auf seinem Himmelsbarke zur Mitte des Himmel, ganz hoch, empor.

Die Sichel sieht jeden Abend größer aus, auch an den Phasen des Mondes lassen sich die Tage zählen. Am 7. Abend ist der zunehmende Mond so weit gewachsen, dass die Sichel kein Hörner mehr hat. Meistens findet dies schon am 6. Abend statt.

Der Mond sieht nur relativ kurz aus als Halbmond. Größere Zeitspanne über Monate lässt sich besser am Halbmond ablesen als am Anfang der Sichtbarkeit des Mondes. Vom Halbmond bis zum nächsten zunehmenden Halbmond dauert es meistens 29 oder 30 Tage, öfters wechseln diese Zeitspanne sich ab.

Die Mondfesten wurden jeden Monat in einem bestimmten Rhythmen gehalten: das zweite Mondfest sechs Tage nach dem ersten, das dritte Mondfest acht Tage nach dem zweiten. Das Vollmondfeier war 14 Abende nach dem Neulicht. Meistens sah de Mond schon einige Nächte vorher ganz rund aus. Nach Vollmond gab es in diesem Monat keine Mondfeiertage mehr. Beim nächsten Neulicht fang ein neuer Zyklus an.

Die Frau trägt dick ausgereiften, langen Gestepflanzen. Der Mann hat im Nacken das Gleiche wie der Sonnengott Schamasch. Uruk period, 3200 v. Chr.
Sind auf diesem sehr alten Bild die beiden Kinder vom Mondgott, die Zwillinge INANNA (Venus) und Schamasch (Sonne), abgebildet?
Louvre, Paris
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Uruk_King_priest_feeding_the_sacred_herd.jpg

Wann verschwindet der Mondgott Sin in die Unterwelt?

"Alle Welt wärmt sich im breiten Licht der Sonne,
und doch beobachten sie den Mondaufgang
- wieviel er abgenommen habe!"

Quelle: Andrew R. George u. Farouk N.H. al-Rawi, Tablets from the Sippar library, VII. Three wisdom texts, in: Iraq 60, 1998, S. 204 f., S.18 f.
Aus Walther Sallaberger (2002): Zeiteinteilung und Zeitvorstellungen im Alten Mesopotamien. https://epub.ub.uni-muenchen.de/41677/

Der Mondgott Sin ist der Vater des Sonnengottes Schamasch. In der Sumerischen Mythologie geht der Sonnengott jeden Abend in die Unterwelt, der Mondgott zieht am Ende des Monates dahin um zu ruhen. Wenn Sin in der Unterwelt weilt, wurden Klageliedern gesungen, begleitet mit der Harfe, und wurde als kultische Reinigung gebadet.

In der Periode nach Vollmond geht der Mond in der Nacht auf und steht bei Sonnenaufgang am Himmel. Der abnehmende Mond geht jeden Nacht später auf und steht während der Morgendämmerung näher zur aufgehenden Sonne. Am Ende der Sichtbarkeitsperiode geht die Mondsichel am Ende der Nacht auf. Die Sichel sieht von Morgen zu Morgen schmaler aus. Die zarte Morgensichel hat seinen Aufgang in der Morgenröte und verblasst im Licht der aufgehenden Sonne.
"Tag an dem der Mond sich des Schlafen legt" oder "Tag des Verschwindens" war die Name für das Morgenletzt, die zarte Sichel am östlichen Himmel in der Morgenröte. "Tag des Verschwundenseins" war die Name für die erste mondlose Nacht, meistens am 28., 29. oder 30. Tag des Monats.

Beobachtung an Horizontphänomenen
in Übergangszeiten

Zwei Menschen stehen sich wach gegenüber. Beide haben im linken Hand einen Hirterstab.
Oben ihnen sind die Göttersymbolen.

Wann "der neue Mond in sein Haus trat" wurde beobachtet. Dies fördert einige Aufmerksamkeit, man hat auf dem richtigen Moment nach Sonnenuntergang zu schauen, gerade dort wo der Himmel am längsten hell bleibt. Keiner kann im voraus wissen, was der richtige Zeitpunkt ist. Es braucht eigene Initiative um länger zu schauen ohne die Sichel zu finden und auch um für heute aufzuhören, zu warten auf morgenabend.

In mythologischen Texten bleibt der Mondgott drei Tage und drei Nächte in der Unterwelt. Das zarte Neulicht kann jedoch auch schon einen Tag früher als erwartet in der Abendglut kurz in Erscheinung treten. Die Zeitspanne zwischen Morgenletzt und Abenderst kann ja kürzer sein als die Durschnittperiode von 2-3 Tage.

Ob die zarte Abendsichel - nah an der Sonne und nah zum westlichen Horizont - kurz beobachtet werden kann, wird ja durch eine ganze Reihe von Faktoren bedingt. Die Sichtbarkeit hängt ja von der Flachheit der Landschaft, vom Wetter und eventuellen Sandstürmen und Vulkanausbrüche ab. (Das Neulicht erscheint in einer Großstadt bei einer höheren Grad an Luftverschmutzung öfters ein Tag oder sogar zwei Tage später als auf dem Lande). In Nord-Mesopotamien kann der Mondgott sowohl länger wie kürzer unsichtbar bleiben als in Sumerien.

Der Mond bewegt sich viel variabler als die Durchschnittswerte (mit 5 Ziffern hinter dem Komma) vermuten lassen. Viele Gesetzmässigkeiten waren 1000 v. Chr. unbekannt. Das Neulicht hängt auch ab von der höhere oder tiefere Lage des Tierkreises. Der Mond kann an der Sonne 5 Grad nördlicher vorbeiziehen, was die Zeitspanne zwischen Morgenletzt und Abenderst mit einem Tag verkürzen kann. Zieht der Mond dagegen an der Sonne 5 Grad südlicher vorbei, so kann er zwischen Morgenletzt und Abenderst mehrere Tage länger unsichtbar bleiben. Wieviel länger hängt auch von Monat im Jahreslauf ab. Was dreitausende Jahre her auch kein Wissen war: Wenn der unsichtbare Mond relativ weit von der Erde ist (Mond in Apogäum), dauert die Schwarzmondphase extra lange. Der Mond braucht in Apogäum mehr Zeit um an der Sonne vorbeizuziehen als wenn er relativ nah ander Erde ist (Mond in Perigäum).

Da wurde Ausschau gehalten in der Abenddämmerung und öfters war es eine offene Frage ob das Erwartete stattfinden wird. Vielleicht war die Sichel schon hinter den Bergen gesunken, wenn der westliche Himmel nicht mehr so intensiv leuchtete und die sehr zarte Sichel sichtbar werden konnte. Dann hat man zum nächsten Abend zu warten: Das Schiff befindet sich bei Sonnenuntergang viel höher und bei klaren Himmel konnte den ausgeruhten Mondgott begrüßt werden.

Das selber Gewahrwerden des Heimkehrs des Mondgottes verstärkt das Erleben, dass ein neuer Monat angefangen hat.

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