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Der Abend- und der Morgenplanet, Ischtar und Dilbat

Die bunte Herrin des Himmels erscheint auf zwei Arten

Eine Vegetationsgöttin in Sitzhaltung. Sie trägt eine Kappe mit Hörnerpaar, in ihren rechten Hand hält sie eine Traube von Datteln, ein Symbol der Fruchtbarkeit. Das Haar ist zu vier Zöpfen geflochten.
Oft gleichgestellt mit der Göttin INANNA oder INANA von Uruk.
Sumerisch, 2430 v. Chr.
Pergamon Museum, Berlin
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f2/VAM_Nisaba_Lagasch.jpg

NIN.DAR.AN.NA (Venus) ist nach Sonnenuntergang am westlichen Himmel sichtbar, immer in der Nähe der untergegangenen Sonne. Oder sie ist vor Sonnenaufgang am östlichen Himmel, wieder in der Nähe ihrer Zwillingbruder Shamash, sichtbar. Oder sie ist unsichtbar.

Nachdem NIN.DAR.AN.NA verschwunden ist vom Morgenhimmel und zwei bis drei Monate unsichtbar war, erscheint sie am westlichen Himmel kurz nach Sonnenuntergang. Sie durchläuft einen ähnlichen Weg als der Mond, wenn er als Morgensichel verschwindet und als Abendsichel neu erscheint. In flachen Zweistromland (Irak) dauert die Sichtbarkeitsperiode als Abendplanet meistens gut acht Monate. Der Mond zieht acht Mal am Anfang des Mondmonats als Mondsichel an ihr vorbei. Welch ein schönes Himmelsbild! Auch auf den vorangehenden Abenden, wenn die Sichel weniger hoch steht und die Aufmerksamkeit wie von selbst bekommt, sind sie ein auffälliges Paar. Jedes Mal sieht das Vorbeiziehen der Abendsichel an Venus anders aus (siehe "Mondsichel und Venus").
Der Abendplanet verschwindet erstaunlich rasch vom Abendhimmel, Wochen davor war sie etwa im größten Glanz und war sie noch Stundenlang sichtbar.

Und bald ist NIN.DAR.AN.NA wieder da! Dann erscheint sie jedoch nicht wieder am Abend-, sondern am Morgenhimmel. Sie durchläuft einen ähnlichen Weg als die Sterne und die Planeten Saturn, Jupiter und Mars, wenn sie im Licht der untergehenden Sonne verblassen und in der Morgenröte neu sichtbar werden. Der Morgenplanet fängt seine Sichtbarkeitsperiode dynamisch an. Speziell in den ersten Wochen nimmt seinen Glanz und Höhe rasch zu. Nach etwa zwei Monate zeigt sich, dass der Höhepunkt des Auftrittes vorbei ist. In einem Flachgebiet bleibt der Morgenplanet durchschnittlich etwa so lang sichtbar als der Abendplanet. Die abnehmende Morgensichel zieht ebenso etwa 8 Mal vorbei.

Ihr Wiedererscheinen am Himmel als Vorzeichen

Wenn in Mesopetamien NIN.DAR.AN.NA im Westen unsichtbar wird, kann es 2 bis 19 Tage dauern bis sie im Osten erscheint. Wenn sie in Osten verschwindet, dauert es viel länger bis sie im Westen erscheint, je nach der Jahreszeit etwa zwischen 57 und 72 Tage. Für die Bewohner aus der Zeit der Hochblüte des Kultures war wichtig in welchem Monat Nin-si-an-na wieder sichtbar wurde. Das Neuerscheinen in einem bestimmten Monat war ein Vorzeichen für das Wohle des Landes: reiche Ernte oder Hunger und Feindschaft. Siehe für diese bedeutungsvolle Entdeckung von Stephen Herbert Langdon (1876-1937), die Monat des Erscheinens bestimmt den Wirkkraft des Planeten, das erste Kapitel aus langdon_fotheringham_venus_tablets_ammizaduga_1928.pdf
Ein bedrohendes Vorzeichen (Omen) war ein Aufruf zu Reinigung und zum Unheil abwehrenden Ritualen. Ein Vorzeichen wurde nicht fatalistisch entgegen genommen. Im Gegenteil, Omina von himmlischen und irdischen Phänomenen wurden durch langjährig Ausgebildeten miteinander verglichen. Manchmal konnten die Zeichen nicht ausreichend gedeutet werden. Wenn da noch Fragen waren über was die Götter offenbarten, fand öfters bei einer Ziege oder Schaf eine Leberschau statt. Wenn klar gegworden war, was die Götterwille ist, und wieso ein Gott verzornt war, wurden durch Buß-, Bitt- und Sühnerituale eine ungewünschte Voraussage abgewendet.
Quelle: S. Maul: "Omina und Orakel" (2003)
Siehe für die genauen Wahrnehmungen, das sammeln und das systematisch Ordnen der Vorzeichen die sehr zugänglich gemachte, phänomenreiche und originell gedachte Arbeit von Stefan Maul, ein deutscher Altorientalist z.B. Maul_Sonnenfinsternisse_in_Assyrien_2000.pdf

Aus mythologischen Keilschrifttexten ergibt sich, dass für die Sumerer eine Unterwelt mit Götter und Dämonen eine Realität war. Die Mythologie des Inannas Abstieges in die Unterwelt und ihr Heimkehr zum Himmel, ist eine Quelle des damaligen Weltverständnisses. Die Mythologie kann auch helfen die Venusomina zu erschliessen und damit den damaligen Regierungsjahrkalender mit 12 oder 13 Monaten besser zu verstehen.

NIN.DAR.AN.NA, die Liebes- und Kriegsgöttin

NIN.DAR.AN.NA hat als Abendplanet ein ganz anderes Charakter, als wenn sie als Morgenplanet erschien. Als Abendlicht wurde sie Ischtar, die Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit genannt, als Morgenlicht Dilbat, die Göttin des Kämpfes. "Aus dem Streit erwuchs dem Liebenden heißes Begehren." Bemerkenswert ist, sie verwandelt sich viel schneller von einer Liebesgöttin in einer Kriegsgöttin als umgekehrt.

Bemerkenswert ist, dass die Bewohner des Zweistromlandes schon vor 1800 v. Chr. entdeckt hatten, dass das hellste Licht in der Abenddämmerung und das hellste Licht in der Morgendämmerung zwei Erscheinungsarten von der bunten Herrin des Himmels sein. Was der zu- und abnehmende Mond jeden Monat am Himmel zeigt, die Verwandlung von westlichen Abendsichel nach östlichen Morgensichel, in etwa 27 Tage, zeigt Venus nicht. Sie durchläuft keinen sichtbaren Himmelsweg vom Abend- nach Morgenlicht. Ischtar verschwindet in die Unterwelt und Dilbat tritt hervor. NIN.DAR.AN.NA durchläuft auch keinen Himmelsweg von Morgen- nach Abendlicht, wie die Sternen und die Planeten Saturn und Jupiter in etwa 11 Monate vollbringen. Dilbat verschwindet im Osten in die Unterwelt und Ischtar tritt im Westen empor.

NIN.DAR.AN.NA ist nach ihr Verschwinden in der Unterwelt jeweils ein anderes Wesen als davor. Sowohl das prachtvolle Abendlicht wie auch das kräftig leuchtende Morgenlicht ist NIN.DAR.AN.NA.

Wer hat heutzutage aus eigenen Beobachten und selbständiges Denken entdeckt, dass der Planet die etwa acht Monate in der Nähe der untergehenden Sonne erscheint, den gleichen Planet ist, wie das Licht das später im Jahr vor Sonnenaufgang am östlichen Himmel aufleuchtet?

Keilschriftexte aus Sumer berichten über den Abstieg von INANNA in die Unterwelt. Die sieben Würdezeichen wurden ihr abgenommen, als erste die Krone der Steppe, als letzte das königliche Gewand. Und wenn der Schrei der Vernichtung kam, wurde sie zu einer Leiche, Nach drie Tagen und drei Nächten konnte eine Fliege die Speise des Lebens auf sie streuen, eine andere spritzte das Lebenswasser darauf und Inanna kam aus der Tiefe empor. Dies geschah zusammen mit den Todesdämonen der Unterwelt, die die Liebe nicht kennen. Um heimzukehren, musste Inanna für sie etwas tun.

NIN.DAR.AN.NA als Dilbat, der Morgenplanet im Osten

Links Dilbat, in siebenstufigen göttlichem Gewand, geflügelt und mit Waffen auf ihren Rücken, Der Sonnengott Shamash tritt gerade aus dem unterirdischenTunnel hervor, mit seinem Messer schneidet er einen Loch zwischen den Bergen. Er hat ein wellenformiges Flügel.
Rechts Ea (Sumerisch Enki, später Gula, Wassermann).
Die Götter tragen einen spitzen Hut mit mehreren Hörnerpaaren.
Akkadischer Rollsiegel, etwa 2300 v.Chr.

British Museum, London

Die bewaffnete bunte Herrin des Himmels in siebenstufigen göttlichem Gewand, mit dem Fuß auf einem Löwen. In ihren rechten Hand hält sie das Schwert. Der heilige Maßstock, Ziechen ihrer Macht über Himmel und Erde, in der linken Hand weist zur Tiefe. Die dreifache Hörnerkrone, die Krone der Steppe, ist auch ein Würdezeichen.
Links von ihr das Symbol des Sonnengottes, ihres Zwillingbruders.
Akkadisch, 2350-2150 v.Chr.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ishtar_on_an_Akkadian_seal.jpg

Ischtar am schönsten im Frühling,
Dilbat am kräftigsten im Herbst

Die Liebesgöttin prangt Anfang Frühling viel eindrucksvoller am Himmel als Anfang Herbst. Ischtars Verschwinden ist ein sehr kontrastreiches Geschehen, wenn sie am Anfang der Frühlingszeit ihren größten Winkelabstand zur Sonne erreicht (etwa wie in 2012, 2020 und 2028). So viele Monate in voller Pracht hoch am Abendhimmel und dann ganz geschwind, im Mai, verlässt sie den Abendhimmel während sie noch kräftig leuchtet. Alle 8 Jahre leuchtet Ischtar einmal länger und intensiver am dunklen Abendhimmel als in den zwischenliegenden vier Sichtbarkeitsperioden als Abendplanet.
Wenn sie am Anfang der Herbstzeit ihren größten Winkelabstand zur Sonne erreicht, kann sie Abends relativ wenig Stunden aufleuchten und dauert die Sichtbarkeitsperiode relativ kur.

Dilbat kann dagegen in unserem Monat September viel früher vor der Sonne aufgehen und eindrucksvoller den östlichen Himmel dominieren als in den anderen Monaten des Jahres. Was ein Kontrast zwischen Dilbat zurzeit der höchsten Stellung des Tierkreises (im September bei Sonnenuntergang) und Dilbat im März, wenn der Tierkreis bei Sonnenaufgang seine tiefste Stellung hat.

König (links) und Dilbat mit dem rechten Fuß auf einem Skorpion, ca 2000- 1600 v. Chr.
Die Kriegsgöttin ist öfters mit einem Skorpion abgebildet.
(Harvard Semetic Museum, Cambridge)

Die Länge der Sichtbarkeitsperioden von Venus (fünf am Abendhimmel, fünf am Morgenhimmel in 8 Jahr) variiert jeweils, je nach Monat worin sie kommt und geht. Bei einer höheren Lage des Tierkreises ist die bunte Herrin des Himmels relativ lange sichtbar (Ischtar im März, Dilbat im September), bei einer tieferen Lage des Tierkrieses kürzer (Ischtar im September, Dilbat im März).
Die Variationen sind größer, je weiter das Gebiet vom Äquator entfernt ist. Im Norden von Mesopetamien konnte NIN.DAR.AN.NA abhängig von Frühling oder Herbst Tage früher sichtbar werden als im Süden und ebenso Tage früher von Himmel verschwinden.

Hesperus und Phosphorus

Auch die Griechen hatten für den Planet Venus zwei Namen. Als Abendplanet wurde sie Hesperus, Hesperos (der Westliche) oder Afrodite genannt, als Morgenplanet Phosphoros (Lichtträger), Eosphorus (Bringer der Morgendämmerung) oder Heosphorus.
Pythagoras und Parmenides benutzten sie die beiden Namen. Für sie war der Abend- und Morgenplanet derselbe Himmelskörper.

Lateinisch: Vesper und Luzifer, oder "der Stern von Venus".

Der Mayakalender hat Venustafeln über das (schematische) Erscheinen des Morgen- und Abendplanetes im Laufe von 312 Jahren. Auch bei den Mayas war Venus am Morgenhimmel eine Kriegsgöttin.

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