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Artikel a tempo April 2007

Abbildung: Die Himmelsscheibe von Nebra (Durchmesser 32 cm).

Ursprünglich waren nur die Mondsichel, die 32 goldenen Punkte und die große Scheibe links der Mitte abgebildet.

Foto: J. Lipták, Landesmuseum für Vorgeschichte Halle.

Die Himmelsscheibe von Nebra: die Abendsichel, das Siebengestirn
und – Venus

Vor fast acht Jahren wurde in einem Hügel bei Nebra (der fruchtbaren «Toskana des Ostens» in Sachsen-Anhalt) eine geschmiedete Bronzescheibe entdeckt. Jeder erkannte sofort eine Mondsichel, und die vielen kleinen aufleuchtenden Goldpünktchen erinnern an Sterne. Man konnte rekonstruieren, aus welchen mitteleuropäischen Minen das Kupfer und das Gold stammten. Ursprünglich befanden sich auf der Bronzeplatte nur die Sichel, die 32 Sterne und die große goldene Scheibe. Die anderen Darstellungen und die Löcher am Rand sind in späteren Zeiten angebracht worden. Seit ungefähr 1600 vor Christus lag die Himmelsscheibe im Boden verborgen.

Die Ausstellung «Der geschmiedete Himmel» präsentiert Funden aus ganz Europa. Diese und der begleitende Katalog sind professionell gestaltet, die dort dargestellte astronomische Bedeutung der Nebrascheibe gibt jedoch Anlass zu vielen Fragen.

Auf der Scheibe ist die Mondsichel auffallend exakt dargestellt. Der äußerste Rand sieht aus wie ein Halbkreis(!), der innere wie eine Ellipse. Diese Sichel hat ungefähr 45° Abstand zur Sonne. Wenn man die späteren Hinzufügungen entlang des Randes wegdenkt, macht die Scheibe einen besonders harmonischen Eindruck. Die goldenen Punkte stehen ungefähr gleich weit voneinander und dem Rand entfernt. Die sieben Punkte zwischen der Sichel und der goldenen Scheibe bilden im Kontrast dazu ein eigenes Grüppchen. Sie werden für das Grüppchen der lichtschwächeren Sterne, das einem zarten funkelnden Diamanten ähnelt, die Plejaden, gehalten. Alle 27 Tage eilt der Mond unterhalb der Plejaden vorbei. Eine zunehmende Mondsichel recht nah an dem sog. «Siebengestirn» gibt an einem dunklen Abendhimmel ein schönes und leicht einzuprägendes Bild.

Die Sichtweise, dass die große Scheibe links der Mitte den vollen Mond darstelle, scheint mir eher unwahrscheinlich. Der Vollmond lässt die Plejaden so stark verblassen, dass sie kaum mehr zu erkennen sind. Meines Erachtens hat der Goldschmied eines der schönsten Abendbilder dargestellt: die zart funkelnden Plejaden umrahmt durch Venus (fast) in ihrem höchsten Glanz, und durch die zierliche Sichel, die sich ihnen nähert. Venus befindet sich jedes Jahr einige Tage südöstlich der Plejaden. Nur einmal in acht Jahren ist sie dann außerdem ein so stark prunkender Abendplanet, dass man sie recht groß abbilden möchte (z.B. Anfang März 1705 v. Chr., Anfang März 1697 v. Chr.). Da die Abendsichel Ende des Winters aussieht wie Kuhhörner, muss man, um ein naturgetreues Bild zu erhalten, die Himmelsscheibe drehen.

Ein Problem taucht auf: Venus kann nur max. 47° von der Sonne entfernt sein, die Sichel hätte also schmaler gestaltet sein müssen. Vor 3700 Jahren zog solch eine Abendsichel Ende Februar, Anfang März an den Plejaden vobei. Dieses Zusammentreffen könnte den Beginn des bäuerlichen Jahres anzeigen, wie in der Ausstellung erklärt wird. Die Konjunktion von Venus (fast) in ihrem höchsten Glanz mit der Abendsichel in der Nähe der Plejaden hat jedoch einen zu unüberschaubaren Rhythmus um als Kalender benützt werden zu können. Ob das wunderschöne Himmelsbild des Goldschmiedes eine bestimmte religiöse Bedeutung hat, bleibt eine offene Frage.

Venus zieht im April 2007 als heller Abendplanet an den Plejaden vorbei, sie wird jedoch erst im Juli ihren größten Glanz erreichen. Wenngleich der Himmel nicht die genaue Komposition der Himmelsscheibe wiedergibt, bietet uns der westliche Abendhimmel doch einen Reigen schöner Ansichten: Vom 10. bis 14. April steht Venus nahe bei den Plejaden, die zunehmende Mondsichel eilt vom 18. bis 20. April an den Plejaden und der Venus vorbei.

Fundstelle der Bronzeplatte auf dem Mittelberg
bei Nebra und Memleben,
das Unstruttal in Sachsen-Anhalt (Deutschland)

Die Ausstellung «Der geschmiedete Himmel» reist durch Europa, ab Oktober 2007 ist sie in Barcelona und ab Mai 2008 wieder in Halle, bei Nebra.

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