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Sternen-Ordnung und Erden-Chaos

Eine nachdenkliche Betrachtung der Aussaattage-Kalender

In: Lebendige Erde 4/2012 (Juli-August)

In der Wochenschrift „Das Goetheanum“ erschienen in den letzten Monaten verschiedene Leserbriefe über die Arbeit von Maria Thun, alte Kosmologien und neue Aufgaben. Ihr Aussaatkalender, in den letzten Jahren von ihrem Sohn Matthias herausgegeben, weckt ja Fragen. In vielen Ländern treten Demeter-Vereine und anthroposophische Verlage mit ihren Pflanze-Kosmoskalender, Varianten der Thun`schen Aussaattage, in die Öffentlichkeit. Die Position des Mondes im Tierkreis und Zeiten von Opposition, Bedeckung usw. sind aufgelistet. Das vermittelt den Eindruck, diese Werte lägen den Voraussagen zugrunde; die Behauptungen seien nicht nur aus der Pflanzen- und Bienenbeobachtung (oder einem geistigen Schauen der Elementarwesen und den Hierarchien) entstanden. Wie lässt sich auf Basis einer Auswahl von Himmelsereignissen eine Prognose erstellen? Gehen wir die kosmologischen Quellen nach, die Maria Thun verwendet hat.

Schematisiertes Tierkreismodell

Maria Thun beschrieb im Sternkalender 1974/1975, wie sie ein Vortrag von Günther Wachsmuth über die ätherischen Bildekräfte im Verhältnis zum Tierkreis angeregt habe. Sein Buch "Kosmische Aspekte von Geburt und Tod" (1956) zeigt Abbildungen der zwölf Tierkreiszeichen; bei „Widder“ steht „Feuer“ geschrieben, bei „Stier“ steht „Erde“ usw.
Dieses Modell war das damalige Schema für (theosophische!) Astrologen. Seit 430 v. Chr. gab es die Einteilung des Tierkreises in zwölf gleich große Abschnitte (12 x 30 Grad). Am Tag der Wintersonnenwende trat die Sonne in den Steinbock; der Steinbock war das Zeichen des neuen Aufstieges der Sonne. Die sechs aufsteigenden Zeichen (Steinbock bis Zwillinge) zeigten die unterschiedlichen Qualitäten der Sonne im aufsteigenden Halbjahr; Krebs bis Schütze zeigten die monatlichen Qualitäten der Sonne im absteigenden Halbjahr.

Die Reduktion der Zwölfheit auf vier Gruppen von drei Tierkreiszeichen tauchte bei den Griechen erst viel später auf, etwa 50 n. Chr., und zwar für astrologische Zwecke. Widder, Löwe und Schütze bildeten zusammen das „erste Trigonon“ (Trigonon ist das griechische Wort für ein Dreieck mit drei gleich langen Seiten): Stier, Jungfrau und Steinbock das „zweite Trigonon“ usw.

Es dauerte nochmals gut 500 Jahre, bis die Verknüpfung „erstes Trigon = Feuertrigon“, „zweites Trigon = Erdtrigon“ usw. entstand. Das geschah in Byzanz (Istanbul) etwa 600 n. Chr.

Die vier Elemente

Die Griechen haben Widder, Löwe und Schütze nie als Feuerzeichen bezeichnet. Für sie gehörten die vier Elemente zur sublunaren Sphäre, zu der Sphäre unterhalb der Mondsphäre. Ihre Auffassung der Elemente war eine dynamische. Jedes Element bestand in der Kombination von zwei "primären Qualitäten". Dabei war ein Element immer auf dem Weg, sich in ein anderes Element zu verwandeln. Erde (trocken-kalt) lässt sich transformieren in Wasser (kalt-feucht), in Feuer (warm-trocken) und in Luft (feucht-warm). Diese Sphäre, mit ihrem Entstehen, Ändern und Verschwinden, war eine prinzipiell andere Welt als die Sternenwelt mit ihren kreisförmigen Bewegungen von Ost nach West.
Das griechische Wort „Kosmos“ bedeutet Ordnung und Schönheit, am Sternenhimmel herrschen die ewigen Gesetze. Die sublunare Sphäre gehörte prinzipiell nicht dazu.

In der arabischen Astrologie war die Zuordnung der Elemente zum Tierkreis wichtig. Die Planeten wurden als Väter, die Elemente als Mütter bezeichnet. Zur richtigen Zeit wurde mit Amuletten versucht, die Planeten- und Elementargeister anzurufen.
Der babylonisch-griechische Ursprung der Namen der Sternbilder als Zeichen der zwölf unterschiedlichen Sonnenwirkungen im Jahreslauf ist in ihren Elemente-Trigonenschema verloren gegangen.

Günther Wachsmuth hatte in seiner Abbildung für die heutige Epoche einen äußeren Kreis mit den Tierkreisbildern in unterschiedlichen Größen (Anfang Fische bei 352 Grad, Anfang Widder bei 28 Grad) hinzugefügt. Trigone im griechischen Sinne (gleichseitige Dreiecke) gab es keine mehr. Die byzantinische, arabische Zuordnung war jedoch wieder da: bei Widder, Löwe und Schütze stand Feuer, usw. Durch den Vergleich dieses Modells mit ihren Versuchsergebnissen an Radieschen, leuchtete es Maria Thun ein: „Es zeigen sich im Laufe eines Mondumganges vier verschiedene Impulse (Feuer, Erde, Luft, Wasser), die sich dreimal wiederholen." Eine Korrelation zwischen den vier Wachstumstypen, die sie bei Radieschen entdeckt hatte, mit dem Ort des Mondes vor dem Tierkreis (laut der Tabelle im Sternkalender) führte zur Einführung der sogenannten Samen-, Wurzel-, Blüten- und Blatttage: „Der (...) Blatttyp trat auf, wenn der Mond bei der Aussaat in Fische, Krebs und Skorpion stand (im folgenden „Blatttage“ genannt), der Wurzeltyp bei Mondstand in Stier, Jungfrau und Steinbock („Wurzeltage“), ...." So wurden neue Zeiträume eingeführt. Mond im "wässrigem Trigon" bedeutete von nun an "Blatttage", Mond im "Erdtrigon" bedeutete "Wurzeltage", usw. Das schematisierte Tierkreismodell wurde zum Instrument für gärtnerische Voraussagen.

Himmelsbeobachtung

Vom Mond und Tierkreis sind – nicht nur bei Maria Thun – erstaunlich wenig sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften beschrieben.
"Mond in den Fischen" erscheint im Februar als eine zarte Abendsichel, die nur kurz am Abendhimmel zu sehen ist. Im September erscheint "Mond in den Fischen" ganz anders: Der Vollmond leuchtet die ganze Nacht über. Die zunehmende Sichel geht von Abend zu Abend durchschnittlich fast eine Stunde später unter und bringt immer mehr graues Mondlicht in die Nacht hinein.
Der auffälligste Charakterzug des Mondes – seine Lichtphasen zeigen das Verhältnis zur Sonne an – kam bei Maria Thun nicht zum Tragen. Auf der Suche nach kosmischen Wirkungen ist sogar die Sonne übersehen worden.
Die werdende Pflanze wird durch ihre Umgebung beeinflusst, die sich im Tages- und Jahresrhythmus fortwährend verwandelt. Sonne und Pflanze haben nicht nur einen äußeren Bezug. Da bestehen außerdem innere Zusammenhänge: Im Keimen, Grünen, Blühen und Fruchten spiegeln sich gleichsam die Jahreszeiten wieder, wie die Forschungen von Jochen Bockemühl zeigen.

Arabische Astrologie

Günther Wachsmuth und Maria Thun haben sich mit dem Modell "Elemente im Tierkreis" in den Strom der arabischen Astrologie gestellt. Das arabische Elemente-Modell wurde von Maria Thun ergänzt. Sie hat einzelne Vorstellungen, die auf ganz verschiedenen Wirklichkeitsebenen entstanden waren ("Sternzeichen Fische", "Wassertrigon", "Mond im Sternbild Fische" und "Blatttypus des Radieschen") miteinander verknüpft. Zuordnungen wie "Mond in Fische, Krebs und Skorpion" bedeutet "Blatttage", sind nicht mehr hinterfragt worden.
Die Reihe Voraussagen wiederholt sich nach gut 27 Tagen, dann ist der Mond wieder im gleichen Sternbild. Diese Wiederholung erweist sich den ägyptischen Tagesdeutungen, die ab 1800 v. Chr. aufgeschrieben wurden, verwandt. In jedem Kalenderjahr gab es wiederum das Gleiche: Der eine Tag war (un-)günstig für dies, der nächste für das.

Planeten und Pflanzen

Auch für Rudolf Steiner war den Gegensatz "Sternen-Ordnung" - "Erden-Chaos" wichtig, er nennte diesen einen polarischen Gegensatz.
In unserer Denkorganisation lebt die Sternen-Ordnung, in unserer Gliedmaßen-Willensorganisation lebt das Erden-Chaos. In der rhythmischen Organisation wird in freiem Ausgleich das irdische Menschenwesen erlebt. (Anthroposophische Leitsätze GA 26, 22.3.1925).
Entsprechungen zwischen der dreigliedrigen Pflanze und dem dreigliedrigen Mensch liegen dem Landwirtschaftlichen Kurs zugrunde. Während des sechsten Vortrages (14. Juni 1924) deutete Rudolf Steiner an, warum bei den Betrachtungen des Kalkigen und des Kieseligen und der zwei Strömungen im Werden der Pflanzen (Fortpflanzung, Nahrung) die Sonne, die erdennahen und die sonnenfernen Planeten besprochen wurden, jedoch nicht der Tierkreis.
"Da, wo wir übergehen von der Pflanze zu den Tieren, kommen wir gerade auf den Tierkreis. (...). Will man in der Pflanzenwelt etwas erreichen, so kann man stehenbleiben beim Planetensystem. Beim Tier geht das nicht mehr."

Wissenschaft und Praxis

Die 14jährigen Versuche von Hartmut Spieß auf dem Dottenfelderhof (Schriftenreihe IBDF Darmstadt 1994, bzw. LE 1- 2001), und unterschiedliche Experimente anderer Forscher haben die Trigonwirkung bis heute nicht bestätigen können. Doch bleibt der Aussaatage-kalender in vielen Ländern das Aushängeschild der Biologisch-dynamischen Landwirtschaft.
Mein erster Eindruck der BD-Betrieben war bunt: Sie sehen so lebendig aus, die Menschen sind liebevoll, der Thun`sche Kalender und die Präparaten sind Zauberei. An einem Tag dies machen, am anderen jenes nicht tun, so mit der Zeit umgehen, war nicht mein Ding. Anderen war dieses Arbeitsschema eine Stütze. Und immer wieder erfuhren sie etwas, was den Eindruck gab, das Ganze stimmt, und sie erlebten, diesmal trifft die Voraussage nicht zu und der Ertrag ist nicht höher geworden.
Was mich befremdete: ein Sternenfreund und Bauer aus Neuseeland, wo Mond und Tierkreis ganz anders erscheinen, brauchte keine Standortanpassungen.
Keiner ist mir entgegengekommen, der die unmittelbare (!) Wirkung des Mondes auf (nur einer Teil) der Pflanzenerscheinung erklären konnte. Der Aussaattagekalender bleibt auch nach vielen Jahren Anwendung ein Rezeptbuch.
Die meiste Begeisterung erfuhr ich bei den holländischen, englischen und französischen Verlegern und bei den Landwirten, die ein verbessertes Voraussagemodell herausgearbeitet hatten.
Bemerkenswert ist, viele der jungen Landwirte wollen eigene Erfahrungen sammeln, diese vertiefen und sich darüber austauschen. Ihr Betrieb möchten sie in den örtlichen Zusammenhängen gesund einbetten. Sie schöpfen einen neuen Zusammenspiel der "Sternen-Ordnung" und des "Erden-Chaos".

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