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Bild: Regula von Arx, Arlesheim (1945-1997)

Vor dem Tor der Bewusstseinsseele

Gespräch von W. Held mit Manfred Klett über Maria Thun

Manfred Klett: Maria Thun war ein ungeheuer tätiger Mensch, und als dieser tätige Mensch hat sie Anthroposophie studiert. Sie war ein Mensch der Hand. Ich kenne sie seit den 5Oer Jahren, den Johanni-Tagungen in Wernstein, wo sie regelmäßig aus der Geheimwissenschaft referiert hatte, in einer mehr verstandesmäßigen Art, aber humorvoll und mit hohem Engagement. Man konnte mitgehen, keine Frage.

Ernst Becker, Landwirt auf dem Dottenfelderhof, hatte sie bei solcher Gelegenheit mit seiner humorvollen Art gerne etwas aufgezogen, hinsichtlich ihrer Art, die Worte Rudolf Steiners in eine systematische Form zu bringen. Das hat sie ihm nie übel genommen. Obwohl später der Dottenfelderhof durch die Forschungsarbeit von Hartmut Spieß eine für sie besondere Farbe bekam. So hatte ich Maria Thun kennengelernt, ihren engagierten Wunsch, die Geheimwissenschaft, insbesondere das In- und Miteinanderwirken der Hierarchien, sich verständlich, handhabbar zu machen. Das entsprach ihrer Sehnsucht und praktischem Sinn.

Bereits in dieser Zeit wuchs in ihr die Überlegung und bald Überzeugung, die Tierkreistrigone in einem Zusammenhang mit den Organen der Pflanze von Wurzel, Blatt, Blüte und Frucht zu sehen. Die Anregung dazu kam ja von Wachsmuth. Er hatte es nach Überlieferungen eines Astrologen aus der frühen Neuzeit ausgegraben. Das griff Maria Thun auf und systematisierte es mit ihrer, ich darf vielleicht im Sinne der Theosophie sagen, Verstandesseelenart im Hinblick auf die Anwendbarkeit.

Es gibt einen Punkt, der im anthroposophischen Leben viel beobachtet werden kann und von dem sich wohl kaum einer freisprechen kann, dass man dazu neigt, eine hohe in Gedanken gefasste spirituelle Wirklichkeit direkt mit dem äußeren Leben kurzzuschließen. Wilhelm Ernst Barkhoff, der Initiator der Bochumer GLS-Gemeinschaftsbank, neigte ebenfalls dazu, hohe Ideen mit den äußeren Lebensverhältnissen kurzzuschließen. Er konnte es zum Guten wenden durch sein großes Herz und sein tief im Menschlichen wurzelndes Rechtsbewusstsein. Der tätige Mensch, der etwas in der Welt bewirken will, kommt schnell dazu, dass er fragt, hier habe ich meinen großen spirituellen Gesichtspunkt und dort habe ich die äußere Wirklichkeit, wie bringe ich das zusammen? – Es ist eine Grundfrage des anthroposophischen Lebens, der Anthroposophischen Gesellschaft. Maria Thun hat in dieser Weise den möglichst direkten Weg gesucht. Dieser schnelle Schluss eines hohen Gesichtspunktes, den man sich verstandesmäßig erarbeitet hat, gehörte zu ihr, wie auch dieser ungeheure, bis ins Kleinste tätige Wille. Darin liegt meines Erachtens der Grund ihrer enormen Wirksamkeit.

Die Sehnsucht ist ja nur allzu menschlich, das Geistige nicht nur im Äußeren wiederzufinden, sondern weiter zu gehen und die Ideen des Geistes in der Welt zu verankern, sie dort aus ihrem Schein in ein Leben zu überfuhren, im Hier und Jetzt. Maria Thun kannte nicht den Zweife1. Aus dieser Sicherheit schöpfte sie ihre Kraft.

Aber sie machte doch zahlreiche Versuche?
Dabei ging es weniger darum, unbefangen die Natur zu befragen, sondern die einfachen Vergleichsversuche dienten dazu, einen Gedanken – und es waren hohe Gedanken – zu bestätigen. Dabei steht im Hintergrund, dass sie sich aus einer hohen Sphäre beauftragt fühlte. Es begann in den 60er Jahren. Sie trat mit vielen Menschen in Beziehung, die von ihrer Arbeit fasziniert waren. Es folgten Tagungen und Einladungen in den 90er Jahren schließlich in alle Welt. Sie hat dabei die Systematik in schier unzähligen Versuchsreihen weiter aufgearbeitet und verfeinert, astronomisch-astrologisch fundiert und als geschlossenes System präsentiert.

Sie hat diese Art des kosmologischen Landbaus durch ihre Persönlichkeit und Art zu sprechen so einfach und klar nahe gebracht, dass die in den Menschen schlummernden Sehnsüchte nach uralter kosmischer Weisheit wieder heraufgeholt wurden. Es ist interessant, dass häufig gerade diejenigen Menschen, die mit ihrem Bewusstsein noch stark in der Verstandes- oder Gemütsseelenkultur standen, mit Maria Thun in Beziehung traten. Sie hat immer eindeutige Ergebnisse gebracht, und zwar solche, die sich auf den ganz praktischen Umgang mit der Natur bezogen, nicht so sehr Ergebnisse einer Geistesforschung.

Ihre willensbetonte Seite machte es dabei nahezu unmöglich, etwas in Frage zu stellen und daran anknüpfend ein Erkenntnisgespräch mit ihr zu fuhren. Von Rudolf Steiner kennen wir die Äußerung, dass die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung in den Materialismus fuhren, wohingegen die Ergebnisse der Geisteswissenschaft eine geistdurchdringende Auffassung der Wirklichkeit begründen.

Doch wie ist der Erfolg zu erklären?
Sie hat vor allem dort Anklang gefunden, wo die Menschen vor dem Tore der Bewusstseinsseele standen. Das ist eine allgemeine bäuerliche Situation. Die volkstümliche Welt des Bauerntums hat bis ins 20. Jahrhundert noch viel von dem mittelalterlichen Fühlen und Denken bewahrt. Das war ein großer Schatz. Moralische Kräfte und Instinkte, die in der Moderne längst sich verloren haben, waren noch gegenwärtig. Diese Kräfte und Instinkte hat sie angesprochen und ihnen einen Resonanzboden gegeben. An der kosmologischen Systematik konnte man sich festhalten.

Der Landwirtschaftliche Kurs Rudolf Steiners wurde ja angesichts der hohen geisteswissenschaftlichen Anforderungen und naturwissenschaftlichen Begriffsbildungen als schwierig, ja unzugänglich empfunden. Hier war nun Klarheit spürbar, ein Rettungsanker. Dies gilt insbesondere für diejenigen Länder, in welchen die Verstandesseele über Jahrhunderte kultiviert wurde, wie die romanische Welt Südeuropas. Es gilt aber heute über die ganze Welt hin. So hat Maria Thun besonders die Seelenverfassung derjenigen Menschen angesprochen, die, sich lösend aus blutsgebundenen Traditionen, in Selbstfindung den Weg hin zur Entfaltung der Bewusstseinsseele suchen.

Maria Thun hat sich auch um die Bäuerinnen gekümmert?
Maria Thun hatte einen großen Helferwillen. Sie sah die Nöte auf den Höfen, sah, welchen Einsatz gerade die Frauen leisteten. Da hat sie die Bäuerinnen dazu animiert, selbständig Anthroposophie zu studieren und aus ihren Fragen und Erfahrungen heraus Tagungen zu veranstalten. „Studiert selber, sorgt dafür, dass ihr selber zu einem Urteil kommt“, so hat sie zur geistigen Arbeit impulsiert. Das hat dazu geführt, dass viele sich vorbereiteten, die Bäuerinnentagungen, an denen kein Mann geduldet war, inhaltlich durch eigene Beiträge selbst zu gestalten. Es war eine bedeutende Entwicklung, die Bäuerinnen in ihrem Selbstbewusstsein durch Erschließung der anthroposophischen Erkenntnisse zu stärken, die Maria Thun damals angestoßen hatte und die heute noch fruchtbar fortwirkt. Maria Thun war natürlich der Mittelpunkt.
Wir Männer mögen da manchmal über diese Form der „Bäuerinnen-Emanzipation“ geschmunzelt haben, aber wenn man sich hineinversetzt in die Lage der Bäuerinnen, ihrer Fesselung an den Hof, die Arbeitsüberfülle in Kindererziehung, Haushalt, Weiterverarbeitung, Garten, Hofladen und Verpflegung aller, dann sieht man, welche große Leistung Maria Thun vollbracht hat. Es war ihre besondere Fähigkeit, die Menschen aus ihren alltäglichen Problemen und Nöten erzählen zu lassen. Das wirkte, gefördert durch ihre humorvolle Art, gemeinschaftsbildend.

Wie stellte sie sich in die Diskussion maschinellen Rührens der Präparate?
Sie hat schon in den 70er Jahren das Rühren der Präparate mit Maschinen empfohlen. Nicht weil sie technikbegeistert war, sondern weil sie sah, u. a. wegen Arbeitsbelastung, dass es sonst gar nicht geschieht. Nicht die Erkenntnisfrage nach Wesen und Bedeutung des Handruhrens stand für sie im Vordergrund, sondern getragen von ihrem Helferwillen suchte sie nach einer technisch-pragmatischen Lösung. Sie hat sich dann mit Mechanikern zusammengesetzt und wesentlich dazu beigetragen, dass solch eine Maschine konstruiert wurde.

Das Interessante ist, dass sie so manchen Aspekt des Landwirtschaftlichen Kurses von Rudolf Steiner weniger als einen erst zu entschlüsselnden Ideenzusammenhang gedacht hat, sondern als Anweisung zur Tat.

Als die BSE-Krise aufkam, war es bio-dynamischen Landwirten und Gärtnern verboten, die Organhüllen der Kuh (Hörner, Dünndarm, Schädel und Gekröse) zur Herstellung der Düngerpräparate zu verwenden. Prompt sann Maria Thun auf Alternativen. Wenn es tierische Hüllen nicht sein können, dann nehmen wir eben Hüllenorgane aus dem Pflanzenreich, die den tierischen entsprechen. Sie sah eine Verwandtschaft der Bäume (7 Planetenbäume) mit den tierischen Organhüllen hinsichtlich ihrer Beziehungen zu den Planeten. Diese von ihr angenommene Entsprechung suchte sie zu nutzen, indem sie ein Aststuck eines Planetenbaumes, z. B. der Birke, bis auf die umgebende (umhüllende) Rinde aushöhlte. In diese Höhlung füllte sie die Blüten der entsprechenden Präparatepflanze, im Falle der Birkenrindenumhüllung die der Schafgarbe. Mit den auf diese Weise gewonnenen „vegetarischen“ Präparate hat sie sogleich umfangreiche Vergleichsversuche angestellt, deren Resultate – nach welchen Kriterien? – sie zu der Empfehlung veranlassten, dass diese, im Falle fehlender tierischer Hüllenorgane, für diese ein Ersatz sein können.

So hat sie die Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Forschung auf höchster Erkenntnisebene, die hoch spezifischen Wirkungen der tierischen Hüllenorgane im Kontext der Ganzheit des jeweiligen Präparationsgeschehens, auf scheinbar analoge Vorgänge im Pflanzenreich umfunktioniert.

Sie sprach über diese Versuche in ihrem letzten Vortrag an der landwirtschaftlichen Tagung in Dornach. Es gab dann aber Einwände aus den Reihen der jüngeren Tagungsteilnehmer. Ihre absolute Orientierung auf Ergebnisse, deren Zustandekommen nicht nachvollziehbar war, rief zunehmend Unmut hervor. Sie konnte am Pult stehen und ein Ergebnis ihrer Versuchsarbeit nach dem anderen förmlich in den Saal feuern.

Mit den vegetabilischen Präparaten als Antwort auf die BSE-Krise vertiefte sich weiterhin die Kluft innerhalb der biologisch-dynamischen Bewegung hinsichtlich des Verständnisses des Landwirtschaftlichen Kurses. Vom spirituellen Gesichtspunkt, den Rudolf Steiner im Landwirtschaftlichen Kurs verfolgt, erscheinen solche Empfehlungen unangemessen. Sie bahnen nicht den Weg durch das Tor zur Bewusstseinsseele.

Wir werden natürlich noch zu verstehen haben, was die spirituellen Hintergründe des Entstehens der Präparate sind, insbesondere des Rätsels der tierischen Organhüllen. Die Bewusstseinsseele prüft ihre ldeen im Tun. Das hat Maria Thun auf ihre Weise ausgiebig getan. Im Tun aber entstehen die Fragen und auch die Zweifel am eingeschlagenen Weg. Maria Thun kannte den Zweifel nicht; ihr gedankliches System war darüber erhaben.

Wo lässt sich die Grenze ziehen zwischen spirituellem Realismus und theosophischem Materialismus - wo ist die Grenze?
Maria Thun hatte sich diesen verstandesmäßigen Überbau des trigonalen Systems in Beziehung zum siderischen Mondumlauf erarbeitet. Sie hat dieses System gleichsam zur Mitte zwischen oben und unten gemacht.

Von oben herunter nahm sie die geisteswissenschaftlichen Ideen in sich auf, prägte sie der zum System fixierten Mitte ein und setzte sie mit dieser Prägung pragmatisch nach unten in Praxisempfehlungen um. Ich sehe bei der unbestrittenen Größe ihrer Lebensleistung ihre Tragik darin, dass sie sich zur Gefangenen ihres eigenen Systems gemacht hat.

Die große Herausforderung des Zeitalters der Bewusstseinsseele aber ist es, dass jeder Mensch in steter Selbstprüfung und -schulung und im Durchgang durch Abgründe die Mitte zwischen den Höhen und Tiefen sich selbst erringen und in sich selbst festigen muss.

Was hat ihre enorme Popularität möglich gemacht?
Ihre Breitenwirkung hängt wohl damit zusammen, dass sie den verborgenen Sehnsüchten der Menschen nach alter Sternenweisheit nicht theoretisch nur, sondern in konkreten Handlungsanweisungen entgegengekommen ist. Das war Ausdruck ihres Helferwillens.

Aber sie belebte dadurch ungewollt einseitig die aus der Vergangenheit nachklingenden Verstandes- oder Gemütsseelenkräfte bzw. diejenigen der Empfindungsseele. Daraus wurde ihr Verehrung entgegengebracht, ein gläubiges Vertrauen, das die Menschen zu einem Gruppenbewusstsein bzw. einer Anhängerschaft zusammenschloss.

Man kann darin, von ihr ungewollt, die luziferische Konsequenz ihres Wirkens sehen. Demgegenüber stand die Systematik und der Pragmatismus ihrer Anweisungen für die Praxis. Kein Zweifel bestand ihrerseits hinsichtlich von deren Wirksamkeit. Die Menschen fühlten sich erhoben und hingerissen von den Möglichkeiten, wieder mit den Sternen arbeiten zu können.

Doch bei allem großen Verdienst sehe ich in der weltweiten Ausbreitung ihres Aussaatkalenders eher eine Schwächung der biol.-dyn. Bewegung, weil ihr systematischer und damit reduktionistischer Ansatz ein weltumspannender ist und darüber hinwegtäuscht, dass der biol.-dyn. Landbau, vom Menschen ausgehend, ein Freiheitsimpuls ist und sein Bestreben in jeder Hinsicht darin besteht, die besonderen Gegebenheiten eines Erdenortes in seiner Beziehung zum Kosmos zu entwickeln und zu individualisieren.

Die Arbeit von Maria Thun wird von vielen als Gütesiegel der biol.-dyn. Wirtschaftsweise betrachtet. Diese Fixierung wird nicht leicht zu überwinden sein. Vielerorts hat es den Blick für die geisteswissenschaftlichen Grundlagen verstellt.

Diese Tatsache ist mir als Sektionsverantwortlichem häufig begegnet: „Der Landwirtschaftliche Kurs“ Rudolf Steiners war häufig nur am Rande oder ganz unbekannt, der Aussaatkalender aber genoss Ansehen und große Verbreitung. So gehört die Arbeit von Maria Thun zum Schicksal der biol.-dyn. Bewegung.

Ihr Wirken hat manchen Menschen an das Tor zur Bewusstseinsseele geführt. Ihr Bemühen schätze ich als einen hohen edlen Kern. Was sich unreflektiert in die Breite entwickelt hat, wird noch Verwandlungsarbeit brauchen.

Erst wenn das Verständnis gegenüber der Kernaussage Rudolf Steiners im Landwirtschaftlichen Kurs wächst, dass „vom Menschen ausgegangen wird“, dass „der Mensch zur Grundlage gemacht wird“, kann deutlich werden, dass uns Menschen die Aufgabe zugewiesen ist, das in uns wirksame Entwicklungsprinzip in die werkgewordene Welt des Zusammenwirkens von Kosmos und Erde einzupflanzen.

Manfred Klett ist Landwirt.
Er baute den Dottenfelderhof mit angeschlossener Landbauschule auf.
Er leitete von 1988 bis 2001 die Sektion für Landwirtschaft.

Quelle: Wolfgang Held: Sternkalender, Ostern 2013/2014, Dornach


Op internet stond een voordracht van Klett voor de antroposofische vereniging in België, die vertaald was:

voordracht klett belgie.doc

En een Engelstalige samenvatting van een voordracht :

klett biography and summary lecture.pdf

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