Elisabeth Vreede:
Über
die Aufgangsperioden der Planeten
als Zeiten besonderer Wirksamkeit
In: Kalender Ostern 1935-Ostern 1936, 7. Jahrgang.
Herausgegeben von der
Mathematischen-Astronomischen Sektion am Goetheanum, Dornach (Schweiz)
1935 S.
46-50.
Der originale Text im Kalender
(PDF 8 MB)
Daß die Himmelskörper auf unsere Erde Wirkungen ausüben, das wird heute
vielfach zugegeben. Man stellt sich diese Wirkungen nur oft sehr abstrakt vor,
so als ob da irgendwo oben der Planet oder der Mond wäre und nun "Strahlen" zu
uns sende, ungefähr so wie die Sonnenstrahlen als Licht und Wärme zur Erde
kommen würden. Es handelt sich aber um ein viel unmittelbareres Wirken, denn der
Planet ist auch von einer Äthersphäre umgeben, die bis zur Erde reicht und was
in dieser Sphäre z. B. infolge der Stellung der Planeten zu Sonne, Mond, zu
anderen Planeten oder Fixsternen vor sich geht, das wirkt unmittelbar auf die
Kräfte und Elemente hier auf Erden. Die Pflanze — das ist hier schon oft
ausgeführt worden, man sehe z. B. den Aufsatz von M. Hachez im letztjährigen
Kalender — wächst und blüht ganz in der Sonne drinnen, sie lebt und webt in den
Sonnenkräften, die als Sonnensphäre die Erde umgeben. Diese Kräfte sind im
Winter anders, vor allem schwächer als im Sommer, und der tiefere Sonnenstand in
den Wintermonaten ist im Grunde auch eine Art von Zeichen, nicht bloß Ursache
dieser Schwäche. Es sind eben andere Kräfte verbunden mit demjenigen Teil des
Tierkreises, der ein nach oben ansteigender ist, als mit dem nach unten
absteigenden Teil. (In der südlichen Erdhälfte sind es gerade die
entgegengesetzten Sternbilder, die diese Lage einnehmen, daher dort auch bei
sonst übereinstimmenden klimatischen Bedingungen die Vegetation, die
Wachstumsverhältnisse usw. so verschieden sind von denen auf der nördlichen
Erdkugel). Von Weihnachten bis zum Johannifest durchläuft die Sonne die
Sternbilder Schütze, Steinbock, Wassermann, Fische, Widder, Stier, die die
aufsteigenden sind, sie steigt dann in ihrer täglichen Bahn immer höher, die
Lichtperiode wird immer länger. Erst wenn sie am Anfang der Zwillinge ankommt,
fängt sie an wieder im Tierkreis hinabzusteigen. (In den landläufigen Kalendern
findet man angegeben: Steinbock bis Zwillinge, die Umkehr im Krebs, doch handelt
es sich da um die Zeichen, in unserem Kalender immer nur um die realen
Sternbilder. Vgl. S. 15 und auch in unserem ersten Kalender 1929/30 "Zur
Einleitung").
Auch beim Mond macht sich der Unterschied bemerklich. Gemeint ist nicht der
zu- oder abnehmende Mond, sondern der in seiner Bahn ansteigende und dann wieder
absteigende Mond. Dieses vollzieht sich im Laufe von 27 1/3 Tagen, dem
sogenannten siderischen Mondumlauf, während die Zeit von Neumond zu Neumond
(oder Vollmond zu Vollmond) bekanntlich fast 30 Tage umfaßt. Es ist der Mond
während 14 Tage "obsigend" (aufsteigend) und ebenso lange ,,nidsigend"
(absteigend) wie es aus unserem Kalendarium und den "Erläuterungen" S. 16 zu
ersehen ist. Bei dieser Art der Mondkräfte handelt es sich also nicht um das
Zunehmen oder Abnehmen des Wachstums und dgl., sondern um ein Aufstreben,
Festwerden bei allem, was man landwirtschaftlich während der ersten Hälfte
dieser Mondperiode unternimmt, d. h. also wenn der Mond durch die Sternbilder
vom Schützen bis zu den Zwillingen geht, ganz gleichgültig, in welcher Phase er
ist, — und um ein Schwächerwerden, sich zur Erde hinneigen, sich Flachlegen in
der zweiten Hälfte, wenn der Mond von den Zwillingen bis zum Schützen wiederum
abwärts geht. (Vgl. Kalender Ostern 1930 Ostern 1931.)
Entsprechende Perioden können wir nun auch bei den oberen Planeten, vor allem
Saturn und Jupiter unterscheiden. Was der Mond in noch nicht ganz 14 Tagen
vollbringt, die Sonne in 6 Monaten, dazu braucht der Saturn fast 15 Jahre! So
lange geht er durch die ansteigenden Tierkreisbilder, ebenso lange durch die
absteigenden. Seine ,,Aufgangsperiode" liegt also ebenfalls da, wo der Saturn
durch den Schützen, Steinbock, Wassermann, Fische, Widder und Stier geht. Seit
einigen Jahren ist der Saturn in diesen aufsteigenden Sternbildern zu finden, er
hat den Schützen und den Steinbock durchlaufen und steht jetzt im Wassermann.
(Er braucht etwa 2 1/2 Jahre für jedes Sternbild.) Er ist also mitten in seiner
Aufgangsperiode drinnen. D. h. daß er besondere Wärmewirkungen auf der Erde
auslösen kann, die nicht einmal so sehr in hoher Temperatur zum Ausdruck zu
kommen brauchen, sondern in dem Aktivieren des im Erdboden und in der
unmittelbar angrenzenden Luftschicht vorhandenen Wärme. Solche Wärme spielt
besonders für die Nadelhölzer — die ja Saturnpflanzen sind — eine große Rolle. Es
sind daher solche Aufgangsperioden günstig für das Anpflanzen von Fichten,
Tannen usw., auch Buchen gehören zu den Saturnbäumen.
Natürlich lassen sich in diesen 15 Jahren, während welcher der Saturn "im
Aufgang" ist, verschiedene kleinere Perioden unterscheiden, je nach den
sonstigen Verhältnissen der Saturnbewegung. So wird er z. B. jedes Jahr, während
4 1/2 Monaten, rückläufig, fängt an eine Schleife zu beschreiben, wie man es auf
der dem Kalender beigegebenen Planetenkarte sehen kann. In der Mitte der Zeit
seiner Rückläufigkeit - er geht dann zwischen den Sternen von Ost nach West,
statt wie sonst von West nach Ost - fällt seine Opposition zur Sonne, d. h. daß
er dann der Sonne gegenübersteht, so wie der Mond bei Vollmond. Er steht dann um
Mitternacht am höchsten und steht auch in demjenigen Sternbilde, das das der
Sonne gegenüberliegende ist. Solche Oppositionszeiten sind gerade diejenigen, wo
die oberen Planeten am wirksamsten sind, wo also der Saturn z. B. am meisten in
die Wärmeverhältnisse des Erdbodens und der Erdatmosphäre belebend einwirkt.
Eine solche Opposition tritt für den Saturn jedes Jahr mit nur 12 Tagen
Verspätung ein. Dieses Jahr am 31. August, nächstes Jahr am 12. September usw.
Auch in einer "Aufgangsperiode des Saturn" sollte man die Zeit um die Opposition
herum, die Zeit der Rückläufigkeit, der "Schleife" benützen, wenn es sich um
Anpflanzungen handelt und dazu noch den zunehmenden Mond, möglichst auch wenn er
,,obsi" ist, damit die Bäumeschön gerade aufwachsen. — Man sieht, daß man so auf
ganz bestimmte Zeiten kommt, die sogar in bestimmten Jahren so liegen können,
daß keine für die Anpflanzung günstige Zeit herauskommt. Es sollte jedenfalls
immer darauf gesehen werden, daß die Luft und der obere Erdboden in einem gut
durchwärmten Zustand sind, damit der Saturn, der ja mit den Wärmekräften der
Erde zusammenhängt, seine volle Wirkung ausüben könne. Andererseits soll man
sich nie zu ängstlich darum kümmern, daß nun gerade alle günstigen Aspekte, wie
sie oben aufgezählt wurden, zusammen verwirklicht sind, denn sonst könnte man
leicht in eine zu große Abhängigkeit — nicht vom Kosmos, sondern vom gedruckten
Kalender! — geraten. Gerade der Landwirt sollte darnach streben, allmählich sich
ein Gefühl dafür zu erwerben: Jetzt ist richtige Saturnzeit, jetzt spüre ich,
wie Saturn belebend auf die Erdenwärine wirkt; jetzt kann ich meinen Fichtenwald
oder meine Pflaumenbäume oder die später als Brennholz zu verwendenden Buchen
anpflanzen. — Wenn er dann noch im Kalender nachsieht, ob es mit den Aspekten
auch stimmt, so schadet das gewiß nicht, umsoweniger, da für die nächsten 10
Jahre Saturn noch im Aufgang sein wird, also die Hauptbedingung an sich erfüllt
ist.
Für den Jupiter haben wir dasselbe nur in einem etwas beschleunigteren Tempo.
Jupiter geht in 12 Jahren durch den Tierkreis, ist also während 6 Jahren
ansteigend. Im Gegensatz zum Saturn ist er zur Zeit in seiner
Niedergangsperiode, er befindet sich in der Wage. Da Jupiter, wie leicht
einzusehen ist, für jedes Stern-bild ein Jahr braucht, wird er nach ungefähr 2
Jahren, seinen Aufgang im Tierkreis wieder anfangen, da er dann wieder im
Schützen stehen wird. Auch Jupiter hat seinen Einfluß auf die Dauerpflanzen, von
denen für den Landwirt insbesondere der Apfelbaum in Betracht kommt. Die Zeit
für Anpflanzung dieser Bäume sollte jetzt und in den nächsten Jahren nicht die
günstigste sein. So wie beim Saturn auf die Wärme, so soll man beim Jupiter auf
das Licht achtgeben, eine Periode von klarem, hellen Licht aussuchen, wenn es
sich um Anpflanzungen handelt. Die Opposition des Jupiter zur Sonne verspätet
sich jedes Jahr um einen vollen Monat, sie fällt in diesem Jahr am 10. Mai.
Mars hat eine bedeutend kürzere Umlaufsperiode, er geht in noch nicht zwei
Jahren um den ganzen Tierkreis herum, hat aber dabei eine Zwischenzeit zwischen
zwei Oppositionen von 2 Jahren und 49 Tagen. Es liegen die Verhältnisse bei ihm
daher ganz anders als beim Jupiter und Saturn. Man empfindet auch leicht, daß
für so gewaltige und langsam wachsende Bäume wie die Eichen — die ja Marsbäume
sind — eine ,,Aufgangsperiode", die sich alle zwei Jahre erneuert, nichts
Besonderes bedeuten kann. Beim Mars sind aber gewisse Oppositionen besonders
wichtig, und als ,,Marsperiode" kann man diejenigen Zeiten ansehen, in denen
Mars der Erde besonders nahe kommt, wo seine Opposition mit besonderer Kraft
wirken muß. Für Mars gibt es infolge seiner "exzentrischen Lage" Zeiten, wo er
gerade, wenn er der Sonne gegenübersteht, der Erde besonders nahe ist. Man kann
dieses "Nahestehen" auch in mehr elementarischer Weise auffassen, äußerlich
zeigt es sich jedenfalls in einem gewaltigen Zunehmen an Licht und Größe des
Marsplaneten zu solchen Zeiten, auch im Vergleich zu seinen sonstigen
Oppositionen zur Sonne. Er ist (im Sinne der Kopernikanischen Theorie) dann der
Erde fast zweimal näher als zu den anderen Oppositionszeiten, wie es in einem
kleinen Schema hier verdeutlicht werden soll.

Die Opposition des Mars (M) bringt ihn im Vergleich zur Erde (E) viel näher
im ersten Fall (rechts) als im zweiten (links), das erste wäre eine "günstige"
Opposition in unserem Sinne und auch für die Astronomen, die sich aus
Beobachtungsgründen immer außerordentlich darüber freuen, während die Astrologen
bei jeder Marsopposition Krieg, Pestilenz und weiteres Unheil zu prophezeien
pflegen. Eine solche Opposition, die Mars ganz in die Erdnähe bringt, kann nur
in den Spätsommermonaten geschehen, Ende August oder Anfang September. Da die
Sonne dann im Löwen steht, findet die Opposition zu der Zeit immer im
Wassermann, dem gegenüberliegenden Zeichen, also in einem a u f s t e i g e n d e n Sternbilde statt. Die ,,Marsperiode" würde also nur solche Aufgangsperioden
umfassen, die mit diesen besonderen Oppositionszeiten zusammenfallen. Das ist im
allgemeinen alle 15- 17 Jahre der Fall, zuletzt 1877, 1892, 1909, 1924 und wird
erst wieder 1939 stattfinden, aber dann nur in schwachem Maße, da die Opposition
schon im Juli fällt, während sie 1941 im Oktober — also etwas spät —sein wird.
Aber Mars wird beide Male trotzdem in einem aufsteigenden Sternbild stehen, das
einemal im Steinbock, das anderemal in den Fischen. Die übrigen zweijährigen
Oppositionen des Mars zur Sonne liegen alle weniger günstig.
Für die unteren Planeten liegen die Verhältnisse anders, sie können nicht in
Opposition zur Sonne gelangen, da sie sich von der Erde aus gesehen nie sehr
weit von der Sonne entfernen. Sie beschreiben zwar auch Schleifen, aber bei
einer Konjunktion, der sogenannten "unteren Konjunktion" mit der Sonne, die so
etwas wie "Neumond" bedeutet. (Vgl. den Aufsatz von J. Schultz über
Venusperioden im letztjährigen Kalender.) Venus hat dieses Jahr die untere
Konjunktion am 8. September, sie ist dann im Löwen, da ja die Sonne zu dieser
Zeit auch im Löwen steht. Dann entfernt sie sich zunächst von der Sonne nach der
anderen (westlichen) Seite hin, da sie dann rückläufig ist, ohne aber den Löwen
zu verlassen und wird Morgenstern. Als solchen durchläuft sie auch die
Sternbilder Jungfrau und Wage, um erst zu Anfang des Jahres 1936 im Skorpion,
dem Sternbilde des Todesstachels zu stehen. Die Obsi und Nidsi Verhältnisse
spielen für die unteren Planeten keine besondere Rolle, cl. h. sie teilen diese
bis zu einem hohen Grade mit der Sonne selber, an deren Nähe sie ja immer
gebunden sind.
Vom kleinen Merkur ist zu sagen, daß er mit solcher Geschwindigkeit seine
Bewegungen, Schleifen und sogar Stillstände vollzieht, daß er, immer in engster
Sonnennähe bleibend, kaum eigene ,,,Aufgangsperioden" für sich in Anspruch nimmt
und bei all seiner Quecksilbrigkeit in treuer Beharrlichkeit dafür sorgt, daß
jedes Jahr die einjährigen Pflanzen, insofern sie von ihm abhängen, unter
annähernd gleichen Bedingungen heranwachsen können. Nur eine Siebenjahrperiode
ist ihm in eigentümlicher Weise eigen. So wie die Venus ihre Schleifen in
aufeinanderfolgenden Pentagrammstellungen vollführt,* so geht der Merkur derart
um den Himmel herum, daß er (man vergleiche unsere Planetenkarten!) immer 3 bis
3 1/2 Schleifen im Jahre beschreibt, diese aber so liegen, daß sie sich im Laufe
von etwa sieben Jahren zu einem Ring durch den ganzen Tierkreis hindurch
schließen. Und da der Merkur u. a. unsere physische Regeneration durch den
Stoffwechsel besorgt, diese wiederum besonders durch die unteren Konjunktionen
(Schleifenbildungen) bedingt ist, kann man verstehen, warum der Mensch in sieben
Jahren seinen Körper ganz erneuert, den physischen Substanzen nach!
Damit sind wir von den Bäumen und Pflanzen und durch eine flüchtige Berührung
mit dem Tierreich schließlich beim Menschen angelangt, der wie kein anderes
Wesen den ganzen Kosmos in sich trägt.
* Daß dies so ist, läßt sich aus jedem Astronomiebuch, das die
Venusbewegungen im Verhältnis zur Erde (also gleichsam Ptolemäischl) wiedergibt,
leicht ablesen. Der Verfasserin des vorstehenden Aufsatzes z. B. war jene
Fünfeckform schon seit der Kindheit aus populären Büchern wie Flammarions .,Les
Terres du Ciel" etwas völlig Vertrautes. Man vergleiche auch z. B. R. A.
Proctor, ,,Transits of Venus" 1875 und Valentiner "Handbuch der Astronomie".
Diese Bemerkung muß hier leider gemacht werden, weil in einer Schrift
,,Pentagramma Veneris" von M. Knapp. Basel 1934, die einige Monate nach unserem
Kalender erschien, eine nur töricht zu nennende Behauptung bezügl. der
"Priorität" der "Entdeckung" dieses Venus Pentagramms vorkommt.

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