
Abbildung: Die Himmelsscheibe von Nebra (Durchmesser 32 cm).
Ursprünglich waren nur die Mondsichel, die 32 goldenen Punkte und die große Scheibe links der Mitte abgebildet.
Die Ausstellung «Der geschmiedete Himmel» reist durch Europa,
ab Oktober 2007 ist sie in Barcelona und ab Mai 2008 wieder in Halle, bei Nebra.
Foto: J. Lipták, Landesmuseum für Vorgeschichte Halle.
Dieser Text schliesst an beim Text für a tempo, April 2007.
Mehrere Gründe sprechen gegen die Hypothese, der große Vollkreis sei der Vollmond oder die Sonne. Die größere goldene Scheibe könnte auch Venus, der hellste Planet, sein.
Im Standardwerk zur antiken Astronomie "Erwachende Wissenschaft, Band 2, Die Anfänge der Astronomie" von B.L. van der Waerden (Birkhäuser Verlag, Basel, 1980, 2. Auflage) ist ausführlich beschrieben, wie von 1581 bis 1561 v. Chr. genaue Beobachtungen zum Sichtbarwerden und Verschwinden von Venus am Abend- und Morgenhimmel gemacht wurden. Die Periodizität ihrer Sichtbarkeitsdauer war damals in Babylon schon bekannt (S. 34 - S. 50). Ungefähr 1400 bis 1200 v. Chr. wurden Grenzsteinen hergestellt mit Abbildungen von der Sonne, der Mondsichel, von einem achtstrahligem Stern und anderen Gestalten. Dank der Keilschriftexte gibt es da keinen Zweifel. Es geht um die drei auffälligsten Himmelserscheinungen: Sonne, Mond und Venus.
Auf der Nebra-Scheibe ist die Mondsichel exakt dargestellt. Der äußerste Rand sieht aus wie ein Halbkreis(!), der innere wie eine halbe Ellipse. Diese Sichel hat ungefähr 45° Abstand zur Sonne. Eine so genaue Wiedergabe eines Himmelsphänomens ist bemerkenswert.
Die goldenen Punkte sind alle gleich groß. Dagegen gibt es am Himmel hellere und schwächere Sterne. Die meisten Punkte stehen ungefähr gleich weit voneinander und dem Rand entfernt (wenn man die späteren Hinzufügungen entlang des Randes und die Verschiebungen wegdenkt). Die sieben Punkte zwischen der Sichel und der goldenen Scheibe bilden im Kontrast dazu ein eigenes Grüppchen. Sie werden für das Grüppchen lichtschwächerer Sterne, die Plejaden gehalten, das einem zarten funkelnden Diamanten ähnelt, mit dem Hauptstern Alcyone. Auch Menschen ohne Erfahrungen können die Plejaden am Himmel wiederfinden. Das so nahe beieinander Stehen von mehreren Sterne machen sie zu einer einzigartigem und leicht einzuprägenden ''Konstellation".
Die Plejaden durchliefen damals täglich einen kleineren und tieferen Himmelsbogen von Ost nach West, wie in unserem Jahrtausend. Ihre Auf- und Untergangsstelle lagen um 1700 v. Chr. nur etwas nördlich vom Ost- und Westpunkt. (Der Frühlingspunkt tritt 1840 v. Chr. ins Sternbild Widder, siehe z.B. "Astrowissen" von H-U Keller, Kosmos, Stuttgart, S. 40. Die Plejaden befinden sich etwa 4 Grad oberhalb der Ekliptik).
Eine zunehmende Mondsichel recht nah an dem sog. «Siebengestirn» gibt
an einem dunklen Abendhimmel ein schönes Bild. Alle 27 Tage eilt der Mond
unterhalb der Plejaden vorbei. Eine ähnliche oder etwas schmalere Abendsichel
(30° Abstand zur Sonne) stand damals (zwischen 1725 und 1625 v. Chr.) etwa
zwischen 27. Februar und 14. März bei den Plejaden.
Diese Berechnungen sind gemacht mit Skymap Pro10 (www.skymap.com) nach heutigen
Kalender-Datums-Bezeichnungen und kontrolliert mit den graphischen Bildern von
Guide 8 (www.projectpluto.com). Die Berechnung ergab, dass etwa drei bis eine
Wochen vor Frühlingsanfang die Konjunktion einer solchen Abendsichel mit
Alcyone, dem hellsten Stern der Plejaden, stattfand.
Die Ekliptik hat jedes Jahr Anfang März bei Sonnenuntergang eine schräge, hohe Stellung. Die Plejaden und der zunehmende Mond (drei oder vier Tage nach Neumond) waren früh am Abend recht gut sichtbar. Damals gab es ja nicht so viel Licht- und Luftverschmutzung, so dass das Grüppchen der lichtschwächeren Sterne viel besser zu sehen war als wie in unserer industrialisierten Kultur. Da die Abendsichel Ende des Winters aussieht wie Kuhhörner (Standort Nebra), muss man, um ein naturgetreues Bild zu erhalten, die Himmelsscheibe drehen.
Der Mond hat viele Rhythmen, seine Bewegungen lassen sich nicht einfach überschauen. Ein Beispiel: Heute 2.4.2007 gibt es den Ostern-Vollmond. Am nächsten Jahr liegt der Vollmond 11 Tage früher, am 21. März 2008. Am 21. März ist die Sonne etwa 11 Grad weniger fortgeschritten auf ihrem Weg in das Sternbild Fische als am 2. April. Der Vollmond wird am 21.3.2008 in der Jungfrau näher beim Löwen stehen (Ekliptikale Länge 182 Grad) als der Vollmond von heute (Ekliptikale Länge von 193 Grad).
In der Ausstellung und im Ausstellungsbuch "Der geschmiedete Himmel" von H.
Meller, Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle, Druck 2006) ist der 10. März ein
wichtiges Datum. Betrachten wir der Mond an diesem Tag näher. Am 10. März 1697
v. Chr. steht die Abendsichel (34,4° Abstand zur Sonne, Mond 8,7 %
beleuchtet, Mond ist 3,1 Tag alt, Sonne in den Fischen, Frühlingspunkt
unterhalb der Hornsterne des Widders) in Konjunktion mit Alcyone. Dieser Mond
ist also schmaler als die abgebildete Sichel. Ein Jahr später (1696 v. Chr.) ist
die Konjunktion mit diesem Stern 11 Tage früher (ausgehend vom Sonnenjahr zu 365
1/4 Tagen). Am 28. Februar 1696 v. Chr. steht die Abendsichel bei Alcyone. Es
ist eine viel dickere Sichel, da die Sonne fast 11 Grad weiter entfernt ist (44,4°
Abstand zur Sonne, Mond 14,2 % beleuchtet, Mond ist 4,1 Tag alt ).
Am 10. März 1696 v. Chr. ist der Mond voll (also kein Sichel bei den Plejaden)
und am 26. März 1696 v. Chr. steht eine ganz zarte Abendsichel bei den Plejaden
(18,2° Abstand zur Sonne, Mond 2,6% beleuchtet und 1,6 Tage alt). Man
brauchte gute Augen um auch Ende März die Plejaden sehen zu können.
Erst nach 19 Jahre steht der Mond am selben Tag (fast) in gleicher Phase wieder bei Alcyone (Metonischer Zyklus). Am 9. März 1678 v. Chr. steht die Abendsichel (34,9° Abstand zur Sonne) wieder in Konjunktion mit Alcyone. So einfach der Mond am Himmel zu wiedererkennen ist, so schwer sind seine Bewegungen zu überschauen.
Die Sichtweise, dass die große Scheibe links der Mitte den vollen Mond darstelle, scheint mir aus mehreren Gründen unwahrscheinlich. Der Vollmond lässt die Plejaden so stark verblassen, dass sie kaum mehr zu erkennen sind.
Meines Erachtens hat der Goldschmied eines der schönsten abendlichen Himmelsbilder dargestellt: die zart funkelnden Plejaden, umrahmt durch Venus (fast) in ihrem höchsten Glanz, und durch die zierliche Sichel, die sich ihnen nähert.
Venus ist immer in der Nähe der Sonne, die um 20. - 21. Mai in Konjunktion mit Alcyone tritt. Sie befindet sich jedes Jahr einige Tage südöstlich der Plejaden. Ihre Konjunktionen mit Alcyone finden statt zwischen 3. April und 6. Juli. Vor zwei Jahrtausenden waren die Konjunktionen etwa einen Monat früher im Sonnenjahreslauf.
Venus ist einmal in acht Jahren während ihrer Konjunktion mit den Plejaden außerdem ein so stark prangender Abendplanet, dass man sie recht groß abbilden möchte. Venus leuchtete Anfang April 2004 ganz intensiv südöstlich der Plejaden am Abendhimmel, in 2012 wird sie wieder am 3. April in Konjunktion mit Alcyone treten und den Abendhimmel dominieren. Damals war das Himmelsbild wahrscheinlich noch viel eindrucksvoller, z.B. Anfang März 1705 v. Chr. und Anfang März 1697 v. Chr.
Die Konjunktion von Venus (fast) in ihrem höchsten Glanz mit der Abendsichel in der Nähe der Plejaden hat einen zu unüberschaubaren Rhythmus um als bäuerlichen Kalender benützt werden zu können. Ob das wunderschöne Himmelsbild des Goldschmiedes eine bestimmte religiöse Bedeutung hat, bleibt auch bei dieser Interpretation eine offene Frage.
Ein Problem taucht auf: Venus kann nur max. 47° von der Sonne entfernt sein, die Sichel hätte also schmaler gestaltet sein müssen. Zwischen 1725 und 1625 v. Chr. zog solch eine Abendsichel in der ersten Hälfte von März an den Plejaden vorbei. Dieses Zusammentreffen könnte den Beginn des bäuerlichen Jahres anzeigen. (Bei den Babyloniern gab es den Pflugmonat).
Der 18-jährige Mondknotenrhythmus macht das Herausfinden des Herstellungsjahres kompliziert. Auf der Scheibe sieht es so aus, als ob der Mond und Venus recht nah an die Plejaden herantreten und südlich an ihnen vorbeiziehen. Man könnte erwarten, dass die Himmelsabbildung in den Jahren hergestellt wurde, als der aufsteigende Mondknoten in Widder, Fische, Wassermann oder Steinbock war. Dann näherte der Mond sich den Plejaden am auffälligsten.
Gerne würde ich, speziell von den auf Babylon spezialisierten Archäoastronomen, Rückmeldungen zu dieser neuen Theorie bekommen: Venus, Abendsichel und die Plejaden. Diese Hypothese wurde im Februar 2007 an das Landesmuseum geschickt. Bisher ist noch keine Diskussion entstanden. Ich habe gebeten, diesen Bericht im April 2007 auf der Diskussionsseite der deutschen Wikipedia aufzunehmen. Bisher gibt es dort 59 Seiten Diskussion, aber fast kein inhaltliches Gespräch. Auf die astronomischen Fragen wird nicht eingegangen, obwohl es viel Kritik an der "offiziellen Erklärung" gibt, siehe z.B. "Geheimnis der Himmelsscheibe doch nicht gelöst? Warum die angebliche Entschlüsselung der Himmelsscheibe durch R. Hansen und H. Meller falsch ist." Von Manfred Feller und Johannes Koch.
Venus zieht im April 2007 als heller Abendplanet an den Plejaden vorbei, sie
wird jedoch erst im Juli ihren größten Glanz erreichen. Wenngleich der Himmel
nicht die genaue Komposition der Himmelsscheibe wiedergibt, bietet uns der
westliche Abendhimmel doch einen Reigen schöner Ansichten: Vom 10. bis 14. April
steht Venus nahe bei den Plejaden, die zunehmende Mondsichel eilt vom 18. bis
20. April an den Plejaden und der Venus vorbei.
Menschen die den Fundort besuchen möchten und gerne die Stimmung der Landschaft und örtlichen Himmel erleben, möchte ich empfehlen in Nebra (dort kommen Sie mit dem Zug Naumburg - Nebra oder mit dem Bus Naumburg - Nebra - Eisleben) einen Fahrrad zu mieten. Es gibt beim Bahnhof Nebra einen schönen Fahrradweg am Fluss Unstrut entlang (flachen Weg) Richtung Memleben (halbe Stunde) und Wendelstein.
In der ländlichen, freundlichen Umgebung von Memleben hat man einen sehr
weiten Himmelblick, speziell auf dem westlichen Himmel. Von sehr alten
Dorf Memleben aus sieht der Aufsteig zum Fundort (Nordosten von Memleben)
viel flacher aus, als auf dem Weg die ich zunächst gegangen bin: von Nebra über die
offizielle Anfahrtstrasse zum Klein-Wangen, am erstaunlich grossen, eckigen
Besucherzentrum (Arche Nebra) vorbei und über einen ziemlich steilen Asfaltweg
den Berg hinauf.
Von Nebra, selber auch auf einem Berg gelegen, kommt man
erst von Osten und dann von Süden am Fundort heran, unterwegs gibt es durch die
Bergen und Bäumen keinen guten Blick auf dem westlichen Himmel. Und der
hügelartige östliche Horizont hat nicht spezielle Merkmale.
Westlich und südwestlich von Fundort ist eine schöne und milde Landschaft an dem Fluss Unstrut, in einem breiten Tal, zum Westen hin sehr offen. Von hieraus (am Fluss Unstrut bei Memleben) hat man dagegen zum Osten (zum Aufgangsrichtung der Himmelslichter) hin einen weniger guten Sicht.
Der Fundort oben auf dem Hügel braucht nicht einen astronomische Bedeutung zu haben. Es könnte auch das Grab eines wichtigen Menschen (Furst, Priester) sein. Es war ja damals in mehreren Kulturen Gebrauch führenden Menschen zusammen mit Kunststücken und Schwerten zu begraben .
Wenn man tagsüber in der Landwirtschaft, in der Natur, beim Jagen oder zu Hause viel geschafft hat, ist einen abendlichen Gang den Berg auf um die Plejaden und die zunehmende Mondsichel anzuschauen, eine Herausforderung. Im Februar oder März kann es noch recht kalt und windrig sein. Ein Pferd wäre sehr nützlich. Aber warum auf den Abenden nach dem Neulicht so einen Fahrt unternehmen, wenn man auch bei den Hütten am Fluss am westlichen Himmel die Abendsichel und die Plejaden ausgezeichnet gut sehen kann? Wenn es leicht bewölktes Wetter ist, haben die Menschen im Tal, sitzend bei einem Holzfeuer, sogar mehr Chance die Plejaden zu sehen, als wenn man sich bemüht beim Sonnenuntergang in (nord)östlichen Richtung den Hügel aufwärts zu gehen. Beim Rückgang zum Tal beim dunklen Himmel (Richtung Memleben oder Wendelstein) könnte man einen sehr guten Blick auf dem untergehenden Mond am westlichen Himmel haben, vorausgesetzt, dass da keine Bäumen sind, wie jetzt.
Von Nebra aus, ist die Stelle hoch auf dem anderen Berg hinter Wangen noch weniger geeignet eine (täglich besuchte) astronomische Beobachtungsstelle zu sein. Die Dörfer Wangen und Klein-Wangen, südöstlich von Fundort, liegen im Tal zwischen die Bergen und haben viel weniger Himmel als Memleben und Nebra. Sie sind also viel weniger geeignet für das Betrachten der untergehenden Sonne, dem senkenden Mond und den untergehenden Plejaden als Nebra (hoch auf dem Berg) und Memleben (im flachen Tal).
Speziell auf den Abenden wo man das Neulicht erwartet und bei zunehmender Abendsichel, wo die Sichel während der Abenddämmerung am westlichen Himmel je viertel Stunde intensiver aufleuchtet, ist es recht schön im flachen Gebiet zwischen Memleben, Wendelstein und dem Fundort zu verbleiben. Da ist keinen kalten nordöstlichen Wind, man kann während längeren Zeit gut beoachten wie der Mond allmählich senkt.
Für uns aus dem stark industrialisierten Welt ist es einen grossen Genuss dort den Nachthimmel zu erleben. Es wäre recht sinnvoll, wenn dieses Gebiet weiter bespart bleibt von künstlerisches kaltes weiss Licht, Motorfahrer und Autos. Sterngucken ist ja viel eindrucksvoller in einer ruhigen und dunklen Umgebung, als wenn man umgeben ist von Lampen und Lärm von mobilisiertes Verkehr.
Ich habe einen Wunsch: dieses Gebiet wird jetzt weiter gestaltet zu einem "Nachtdunkelmuseum", einen einzigartigen Naturschutzgebiet, wo Menschen während der Abenddämmerung und im Nacht angenehm spazierend zwischen Getreidefeldern, Wiesen und Kräutergarten, den Himmelgefunkel erleben können. Oder sitzend auf guten Stuhlen mit heissen Getränk auf einer windfreien Stelle mit Holzfeuer, einem gelb-orangenfarbigen Lichtquelle und angenehme Wärmespender.
Man möchte ja auch, dieses arme Gebiet gutes Touristengeld gönnen. Auf einer gesunden Art, auf einer natur- und menschfreundlicher Art, auch zur Ehre an dem Goldschmied und seinen Zeitgenossen.